In drei Drinks durch Brüssel - Textbüro Hanisch | Texter Köln | Autor und Journalist
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In drei Drinks durch Brüssel

DIE ZEIT, Nr. 40/2018

In drei Drinks durch Brüssel

 

Barkeeper weisen den Weg durch die Nacht: Wolf Alexander Hanisch sucht in der Hauptstadt des Biers nach einem guten Cocktail – und gibt sich mit einem Biercocktail den Rest.

“Du willst wissen, wo du in Brüssel Cocktails trinken kannst?” Der Belgier mit der Statur eines barocken Gutsherrn schaute mich im ICE-Bordbistro an, als hätte ich einen Araber nach einer ordentlichen Schweinshaxe in Riad gefragt. Dann nahm er einen Schluck aus seiner Pilstulpe und sagte: “Trink besser Bier. Alles andere ist Frevel.”

Man kann ihn ja verstehen. Gegen die belgische Bierpracht säuft jede Cocktailkarte ab. Schon ein Allerweltslokal listet hier zwei Dutzend heimische Varianten auf, die meisten Traditionskneipen kommen locker auf 150. Wer in Belgien lediglich ein Bier bestellt, könnte in einer Buchhandlung auch ein Buch verlangen. Es gibt das Gebräu in schier endlosen Farbnuancen, aus Myriaden unterschiedlicher Gläser, mit dräuenden Namen wie Satan, Guillotine oder Delirium Tremens. Und für unser Reinheitsgebot haben die Belgier nur ein mitleidiges Lächeln übrig: Ihre Biere strotzen vor Zutaten wie Kirschen, Bitterorangen, Koriander, Wacholder oder Safran.

Zur Huldigung dieser Großkultur beginne ich dort zu trinken, wohin mich meine Zugbekanntschaft geschickt hat: im Poechenellekelder. Die Kneipe verschluckt mich, und meine Augen brauchen ein bisschen, um sich an das Dunkel zu gewöhnen. Als es so weit ist, wähne ich mich im Clubheim einer Messie-Vereinigung: Posaunen, Rodelschlitten und Marionetten hängen von den Deckenbalken, Flaschen mit Tropfkerzen stehen herum, einem Hirschkopf hat jemand eine Tabakpfeife ins Maul gesteckt. Selbst die Gäste sind ein Sammelsurium, reichen von der Oma mit Spinnwebhaaren bis zum lippengepiercten Grufti. Und als sei das alles nicht genug, sitzt auch noch jeder vor einem anderen Bräu.

Hilflos blättere ich in einer Bierkarte von enzyklopädischen Dimensionen. Was soll man nur trinken? Der Kellner schaut auf die Uhr. “Früher Abend”, sagt er, “die perfekte Zeit für ein Geuze-Bier.” Kurz darauf lässt er einen Korken ploppen, schenkt ein und legt die Hochflasche in ein Bastkörbchen. Das Geuze sei der Champagner Brüssels, eine Cuvée zweier Jahrgänge von Lambic-Bieren. “Die gedeihen durch Spontangärung, im Pajottenland nicht weit von hier. Nur dort gibt es die dafür nötigen Hefepilze.” Na denn. Ich schnuppere Heu, Zitrone, Melisse, trinke an, und in meinem Mund explodiert ein fast obszönes Apfelbouquet. Säure beißt in den Gaumen, dann folgt ein Abgang von Holz und Trockenfrüchten, der daran erinnert, dass die Lambics für mein Geuze in Rieslingfässern reiften. So kann Bier schmecken? Unglaublich.

Ich möchte gleich weiterprobieren. Doch jetzt muss eine Cocktail-Bar her. Der Kellner rümpft die Nase. Dann schreibt er mir mit der majestätischen Gebärde eines beleidigten Dorflehrers La Pharmacie Anglaise auf einen Bierdeckel. “Wenn du unbedingt Cocktails trinken willst, dann dort.”

Das Drunter und Drüber des Poechenellekelders setzt sich draußen fort. Brüssel ist eine Stadt der Brüche: Imperiale Bürgerhäuser stehen neben üblen Wohnsilos, Brabanter Gotik neben Verwaltungskästen, die wie gestrandete Kreuzfahrtschiffe wirken. Dann stehe ich plötzlich vor einem türmchengespickten Spukschloss. Hier residiert die Bar. Ich trete ein – und mein Blick bleibt am Barmann hängen. Er sieht aus wie die füllige Version eines von Tim Burton zurechtgemachten Johnny Depp. Schwarzes Rüschenhemd, Hosenträger, eine Melone, die obendrein eine alte Schweißerbrille ziert. Mit Zirkusdirektorengeste zeigt er auf einen der Hocker. Ich bin überrascht, wie niedrig man darauf sitzt. Aber ich ahne, warum. In der Pharmacie Anglaise soll ich zum staunenden Steppke werden. Auch dieser Laden ist ein Kuriositätenkabinett, das wie die ganze Stadt symbiotisch arrangiert, was sonst nirgendwo zusammenpasst. Über mir glimmt ein krakenhafter Lüster, ein Arztpraxen-Torso zeigt seine Organe, unter dem Ölbild eines Bergbauern knutscht ein Paar auf einem Leopardenfellsofa. Der Tresen besteht aus Vitrinen, die Tierexponate in Formaldehyd zeigen: Fledermäuse, Lamm-Embryonen, Delfinflossen.

Ein Biercocktail gibt mir den Rest

Barmann Cedric wartet, bis ich mit dem Bewundern fertig bin, und reicht mir dann die Karte. Die schöne Morbidität geht ein wenig flöten, als er mir die Cocktails erklärt. Ökologische, irgendwie gesunde Drinks wolle man bieten. Ich trinke einen knatschgrünen “Pisco Pye” mit Spinat, Brennnesseln und Kräutern, “alles aus unserem bareigenen Garten”. Er schmeckt erfrischend wie ein Waldspaziergang. Dennoch hätte ein wenig mehr Pisco im Glas meine Popeye-Kräfte eher geweckt. Viel hilft viel, heißt mein Motto. Komm schon, Brüssel: Da geht doch noch was! Die letzte Empfehlung lasse ich mir lieber von einem Gast geben, der aussieht, als könne er was vertragen.

Life is Beautiful heißt sein Tipp. Und tatsächlich: Die Bar wirkt, als stecke sie jeden Euro in die Cocktails und nicht ins Ambiente. Mit ihren Topfpflanzen ginge sie auch als Studenten-WG durch. Bevor Karoline und Harouna sie eröffneten, vagabundierten sie mit einer Wanderbar herum. “Es hat etwas gedauert, bis wir sicher waren, dass Cocktails in Brüssel funktionieren”, sagt die Deutsche Karoline, die tagsüber im EU-Parlament arbeitet. Ich bestelle einen “Punch 124”. Mit Bourbon, Rum und Becherovka boxt er im alkoholischen Schwergewicht. Trotzdem klingt er kryptisch. Harouna klärt auf: “Punch 124 heißt ein Spirituosenladen, der bald um die Ecke eröffnet. Jeder unserer Drinks promotet ein Geschäft ringsum.” Und davon gibt es immer mehr: Die Gegend wandelt sich gerade vom schmierigen Wettbürobezirk in ein Viertel, in dem Brüssel neue Ideen testet.

Auf den Barhocker neben mir hat sich Tor verirrt, ein semmelblonder Lobbyist aus Stockholm. Er ist in Plauderstimmung, die gelockerte Krawatte hängt ihm schief vom Hals. Tor trinkt sich durch die Karte und beginnt irgendwann, jeden Cocktail einfach für mich mit zu bestellen. Es wird wohl eine Berufskrankheit sein. Als guter Europäer stoße ich ein ums andere Mal mit ihm an. Unser letzter Schluck ist ein säuerlich-fruchtig-herber Biercocktail, den sich Harouna zu Ehren einer benachbarten Craft-Brauerei ausgedacht hat. Er gibt mir endgültig den Rest. Aber immerhin mit Bier. Mein erster Trunkenheitsmentor aus dem ICE hätte nichts zu meckern.