04 Mai DER PUMA ZEIGT DIR, WER DU BIST
DIE ZEIT, 2026
DER PUMA ZEIGT DIR, WER DU BIST
Ein Messer erzählt von den Tagen, in denen Wolf Alexander Hanisch ein argentinischer Gaucho war und es mit einer gefährlichen Raubkatze aufnahm. Fast.
Erst ein Fauchen wie aus der Hölle, dann ein Schuss. Nur ein einziger. Hart und trocken und mit der Autorität von etwas Unwiderruflichem. Die Kugel aus Nereos Gewehr tötete den Puma, bevor er zum Sprung aus der Höhle ansetzen konnte. Ein Dutzend perros pumaqueros, Hunde der patagonischen Gauchos, hatten ihn dort hineingetrieben. Ihr Gebell erstarb sofort, als die Katze in ihrem Blut lag. Nur ich reckte immer noch mein facón: ein unterarmlanges Haumesser, wie es alle Gauchos am Gürtel tragen. Mit einem braungrau geriffelten Griff aus Nanduknochen und Intarsien aus Leder, Stahl und Messing. Aber, was heißt da recken. Eher hielt ich mich daran fest, starr vor Angst. Zu gut hatte ich noch im Ohr, was Nereo vor der Pumajagd gesagt hatte: „Wenn der Silberlöwe beim Angriff seine Krallen ausfährt, ist das, als ob dich jemand mit einer Kettensäge bewirft.“
Mehr als 20 Jahre später liegt das Messer auf meinem Couchtisch und will mir weismachen, dass ich einmal ein Gaucho war. Das gelingt ihm nur so mittel.
Patagonien ist kein Land, das man einfach so bereist. Man muss es mit ihm aufnehmen. Das galt auch für mich und meinen Reisegefährten, nachdem wir schon monatelang von Alaska nach Feuerland auf der Panamericana unterwegs gewesen waren. Hinter Bariloche wechselten wir auf die 5300 Kilometer lange Ruta 40. Die schnurgerade Straße durchmisst das argentinische Herzland Patagoniens von Nord nach Süd und gab uns das Gefühl unsterblich zu sein, solange wir sie fuhren. Überall Staub und Geröll, zählebiges Buschwerk und die falbe Eintönigkeit des Eisenkrauts – die Landschaft war ein einziges, sich unaufhörlich reproduzierendes Bild. Der Horizont schien mit jedem Kilometer weiter zurückzuweichen. Abwechslung boten hochmütig dreinblickende Nandus, die immer wieder neben unserem Geländewagen auftauchten und uns ein kleines Rennen lieferten. Meistens zogen wir den Kürzeren gegen die pfeilschnellen Laufvögel: Die Ruta 40 war damals noch eine reine Schotterpiste. Alles zitterte und polterte wie auf einem Kutschbock, auf dem man nie weiß, woher der nächste Rempler rührt.
Patagonien ist dreimal so groß wie Deutschland, hat aber kaum mehr Einwohner als Berlin. Und selbst diese Zahl erschien uns übertrieben in einem Land, das so unbewohnbar wirkte wie der Mond. Dennoch zerschnitten Zäune die Wildnis. Man sah sie kaum, aber sie waren da. Ihr Zweck bestand darin, die Territorien der Estancias zu markieren. Eine dieser Schafs- und Rinderfarmen war unser nächstes Ziel: die Estancia Menelik am Rio Belgrano, wo die Andenkordilleren den Horizont wie eine gigantische Laubsägearbeit abzuschließen schienen. Wir hatten gehört, dass man dort wohnen und ein paar Tage lang ein Gaucholeben führen konnte. Ich hatte das schon immer gewollt. Wo sonst sollte mehr vom Cowboymythos erhalten sein als hier, am südlichen Ende der Welt?
Das Hauptgebäude hatte ochsenblutrote Fensterrahmen und stand sonderbar nackt im Licht. Noch bei der Anfahrt verstanden wir, warum. Im Unterschied zu anderen Estancias fehlten die grün schäumenden Säulenpappeln, in denen die Stürme so lustvoll wühlten. Als wäre ihnen ihre Schutzlosigkeit bewusst, duckten sich drumherum Wellblechhäuser ins Gras. Ein Oasentraum war die Estancia Menelik nicht. Man sah ihr an, wie viel Kraft es kostete, hier zu bestehen.
Manuel Pardo arbeitete als einziger Gaucho durchgehend auf dem Anwesen, dessen Besitzer weit entfernt lebte. Als wir ankamen, lehnte er cool im Türrahmen und lächelte leise. Fast hätten wir gedacht, so eine Regung wäre gar nicht möglich in diesem wie aus Stein gehauenen Gesicht: ein von Sonne und Staub zerfurchtes Relief, in dem tief eingekerbt zwei wund gewehte Augen saßen.
Den Abend verbrachten wir mit ihm in der Küche, zusammen mit ein paar umherziehenden Schafscherern. Ihre Salz- und Pfefferbärte wirkten schlampig, Manuels Kinn dagegen glänzte millimeterscharf rasiert. Stil und Haltung schienen auch am Ende der Welt wichtig zu sein. Das Geräusch der Einsamkeit hatten wir uns jedoch anders vorgestellt. Irgendwann entwickelten wir die These: Wenn der Frost etwas Russisches ist und der Regen etwas Englisches, dann ist der Wind etwas Patagonisches. Er tobte wie ein außer Rand und Band geratenes Orchester. Er pfiff und flötete, johlte und stöhnte, wimmerte und brüllte, trommelte gegen das Dach und ließ die Türen in ihren Angeln klingeln und scheppern. Manchmal riss der Radau für ein paar Sekunden ab. Dann hörte man das Rumpeln des Eisenherdes und das Schlürfgeräusch unserer bombillas, der silbernen Trinkröhrchen, mit denen wir unseren bitteren Matetee aus ausgehöhlten Flaschenkürbissen saugten.
Die Tiere, die Manuel versorgte, hatten kaum noch ökonomische Bedeutung. Mit wenigen Hundert Schafen war die Estancia Menelik ein Zwerg, zumal sie sich nur auf hundert Quadratkilometer erstreckte. Andere Estancias kamen auf die Größe von Kleinstaaten. Schon damals brauchte man 30.000 Tiere und doppelt so viel Hektar Land, um mit der Schafzucht Geld verdienen zu können. Manuel strich über seinen gewaltigen Schnäuzer und erzählte uns vom Niedergang: dass in den Siebzigern die Wollpreise zu sinken begannen, die Überweidung zur Ausbreitung der Wüsten führte, im Jahr 1991 ein Vulkan Millionen Tonnen Asche in die Luft pustete. Die Asche verstopfte die Wasserlöcher und schmirgelte die Zähne der Schafe zu Stümpfen. Viele Estancias verloren damals die Hälfte ihrer Tiere und gaben auf. Menelik überlebte nur dank der Touristen, die hier in den Sommermonaten übernachteten – und mit ihren Fleecepullis aus Polyester gleichzeitig dazu beitrugen, das alte Geschäftsmodell zu ruinieren. Manuel wusste das. Wahrhaben wollte er es nicht. Diese Einnahmen seien doch bloß „Gemüse“ unkte er brummend.
Am nächsten Morgen saß Walter am Frühstückstisch. Walter Dreizler, in Argentinien als Sohn Stuttgarter Einwanderer geboren, hatte murmelblaue Augen und war damals 68 Jahre alt. Auf seinem Kopf klebte eine Schirmmütze, unter der seine großen Ohren wie Henkel abstanden. Wenn Walter lachte, wieherte es aus ihm heraus, als säße ein ramponierter Keilriemen in seinem Hals. Walter war der bekannteste mercachifle in der Provinz Santa Cruz, sein Geschäft ein fahrender Kiosk. In einem weißen Kastenwagen klapperte er die Estancias ab. Von ihm bekamen die Gauchos alles, was sie brauchten. Mate, Satteldecken, Zigarettenpapier, Petroleum, Munition, Salz, Zeitschriften, Reis, Konserven, Tabak, Bier. Die Schafscherer behaupteten, Walter bringe ab und zu auch Prostituierte aus den Kneipen von El Calafate vorbei. Aber Walter stritt ab. Ein cabrón, ein Zuhälter? Er? Niemals! Um ihn zu besänftigen, stieg ich mit ihm in den Laderaum. Viel Auswahl an Messern hatte er nicht. Aber das facón war ohnehin das schönste, das ich je gesehen hatte. Ein klassisches Werkzeug, mit dem man Wild zerlegen, Sättel reparieren und Streitigkeiten schlichten konnte. Aber eins mit dem edlen Twist eines Gauchos. Ich war mir sicher: Dieses Ding würde meine Gauchoisierung beschleunigen.
Später beobachteten wir, wie Schafe von Hunden in einen Schuppen gebellt, dort mit der eleganten Gewalt tausendfach geübter Bewegungen zu Boden gedrückt und in Minutenschnelle geschoren wurden. Was vorher Wollberg war, verließ die Baracke windhundglatt. Manuel war unterdessen mit der Kastration männlicher Lämmer beschäftigt. „Früher biss man die Hoden einfach ab“, erklärte er und fuhr sich mit dem Daumen über die Schneidezähne. Gott sei Dank hatte Manuel auf Gummiringe umgestellt. Aber auch das Markieren der Schafsohren war eine blutige Angelegenheit. Manuel zeigte uns den raschen, fast anmutigen Schnitt. Dann hielt er ein Lamm fest, drehte es in meine Richtung und zeigte auf mein Messer am Gürtel. Aber ich tat so, als verstünde ich nicht.
Ein paar Male ritten wir mit Manuel hinaus in die Steppe. Wir reparierten Zäune, kontrollierten Tiere, überprüfen Wasserstellen. Manuel saß so selbstverständlich im Sattel wie ein Städter in einem Fernsehsessel. Ich dagegen versuchte meine Erscheinung mit einer bombacha aus Walters rollendem Kramladen zu pimpen, einer pludrigen Gauchohose mit Bund am Fuß. Sie war so weit, dass es sich anfühlte, als hätte ich gar nichts an. Jeans wären meinem neuen Messer nicht gerecht geworden. Und der Landschaft schon gar nicht. Die Ausritte waren Tage nur aus Himmel, in denen die Weite alles schrumpfen ließ – wer 100 Schritt entfernt war, wirkte wie ein winziges Insekt. Dazu wehte der eisige Pampero aus der Antarktis. Das Gras wurde unter ihm zum Fluss, der dem Horizont entgegenschnellte. Immer wieder funkelten Seen von unwirklichem Türkis in der Ebene. „Gletschermilch“ nannte Manuel ihr opakes, illuminiert wirkendes Wasser. Und als ob das nicht reichte, tauchten manchmal Flamingokolonien an ihren Ufern auf: divenhaft staksende Vögel in Marzipanrosa wie aus einem Traum, dessen Bedeutung unklar ist. Abends stiegen wir schmerzenssteif aus dem Sattel. Ich legte dann mein facón auf den Tisch zum Zeichen, dass das Tagwerk erledigt war. Das reichte. Reden war etwas für Leute aus der Stadt. Wir Gauchos dagegen schwiegen. Dass diese Lebensregel so schnell in mich einsickern würde, hätte ich Plappermaul nie für möglich gehalten.
Jeden Abend aßen wir ein Lamm, das mit ausgestreckten Beinen aufgespießt vors offene Feuer gestellt wurde. Es sah aus wie gekreuzigt. Danach verzog ich mich in die kleine Bibliothek des Haupthauses und schmökerte in Büchern über die Gauchos. Ihre Geschichte begann im 17. Jahrhundert, als sie noch als blutrünstige Vagabunden galten, die ein Rind erschossen, nur um an seinen Hörnern ein Pferd anzuleinen. Die meisten waren Mestizen, entstanden aus der damals geächteten Verbindung zwischen einem europäischstämmigen Kreolen und einer Indigenen, und lebten daher als Ausgestoßene der Gesellschaft. Ihre ungezügelte Existenz erlosch, so las ich, als man vor 200 Jahren Konservierungsmethoden für Fleisch entwickelte und die Städter das Land und seine wilden Rinder selbst nutzten. Viele Gauchos mussten nun auf Estancias als Angestellte arbeiten. Doch ihr Gemüt blieb unzähmbar: Als Spott auf die Welt nagelten sie sich die Silbermünzen, die sie verdienten, an die Gürtel.
Coole Idee, dachte ich. Was hätten sie hier auch groß kaufen können? Der beschlagene Gürtel gehörte Ende des 19. Jahrhunderts dann neben Pluderhose und Poncho zum Gaucho-Aufputz. In dem ließen sich auch Politiker und Großbürger porträtieren, als Argentinien den freiheitsliebenden Gaucho zum Stifter einer nationalen Identität stilisierte. Und nichts verklärte ihn mehr als das Versepos Martín Fierro von José Hernández: das Nibelungenlied der Argentinier, das auch in der Estancia Menelik stand.
Ich fand außerdem Gebrauchsliteratur. Die spannendste handelte von den leoneros, den Pumajägern. Sie kamen mir vor wie die Clint Eastwoods Patagoniens. Die Mittelstürmer unter den Gauchos. Die Härtesten der Harten. Walter, der alles wusste, konnte uns auch sagen, wo die Raubkatzen trotz ihres Schutzstatus gerade gejagt wurden, weil sie sonst das Nutzvieh gefährdeten: auf dem riesigen Gebiet der Estancia Santa Teresita zwischen El Calafate und El Chaltén.
Und so landeten wie bei Nereo.
Die Wellblechhütte des legendären Gauchos und Pumajägers Nereo Corso erreichten wir nach stundenlangem Geholper. Sie war einer von fünf Außenposten der Estancia Santa Teresita und lag einen knappen Tagesritt von ihr entfernt im Universum der Steppe. Orientierung bot allein der 3406 Meter hohe Fitz Roy, der wie ein monströser Fangzahn hinter dem Lago Viedma emporwuchs. Als wir Nereo begrüßten, drückte er uns eine Kalebasse mit Matetee in die Hand. Ein Willkommensgruß: Wem die Gauchos keinen Mate anboten, der wusste, dass er unerwünscht war.
Ansonsten machte der Steppenstoiker mit den kohleschaufelgroßen Händen nicht viel Aufhebens um uns. Wir saßen in seiner Hütte, sogen an der bombilla und schauten zu, wie er mit der Geduld eines Eremiten Zaumzeug aus Schafsleder nähte. Nachdem viele Estancias aufgeben mussten, habe sich der Puma enorm vermehrt, erzählte er dabei. In einer Nacht reiße die Raubkatze zwei oder drei Schafe. Wenn sie Hunger habe. Wolle sie aber ihrem Nachwuchs das Töten lehren, könne man am nächsten Tag bis zu 100 tote Tiere finden. Die Nächte zuvor hatte Nereo damit verbracht, das Versteck eines Pumas anhand von Kotspuren ausfindig zu machen. Jetzt kannte er seine Höhle. Vor Sonnenaufgang sollte es losgehen.
Eine brombeerfarbene Ahnung von Tag stand am Horizont, als wir lostrabten. Mein Hengst war größer und störrischer als die braven Stuten von Manuel, auf denen ich mich zuvor so erhaben gefühlt hatte. Wie ernüchternd war es, zu erfahren, dass weibliche Pferde für einen richtigen Gaucho niemals infage kämen. „Auf denen reiten nur Amateure“, spottete Nereo. Mein Rappe hatte mich sofort durchschaut. Er ignorierte meine Lenkversuche und trug mich immer weiter von den anderen fort in die Dunkelheit – ich kam mir vor wie ein durchs All trudelnder Astronaut. Als ich endlich aufschloss, hatte Nereo den Höhleneingang bereits mit Stacheldraht verbarrikadiert. Breitbeinig stand er vor dem Felsspalt, legte das Gewehr an die Schulter und zielte mit der gleichen Seelenruhe, mit der er alles tat. Der Kegel meiner Stirnlampe dagegen zitterte vor Nervosität wie ein Mückenschwarm. Dann ging alles ganz schnell. Das teuflische Fauchen, der gebieterische Knall, die entsetzliche Endgültigkeit des Todes. Immerhin: Dass ich mein Messer trug, hatte verhindert, dass meine Knie vollends versagten.
Später standen wir vor Nereos Wellblechhütte und erkannten in der Ferne eine Staubfahne, die sich unendlich langsam auf uns zubewegte. Für Nereo war es das Zeichen, neues Wasser für den Mate aufzusetzen. Denn bald würde Walter am Tisch sitzen und seine wichtigste Ware liefern: Neuigkeiten, die Radio Lago Argentino nicht sendete. Er würde von den Wanderarbeitern aus Buenos Aires erzählen, die Manuel gerade zur Hand gingen, von der Messerstecherei in einer der Spelunken von Tres Lagos, von den Rodeos im Norden. Im Gegenzug würde Nereo wortlos nicken, seine Riesenhände vor sich auf dem Tisch wie zwei schlafende Tiere. Für uns aber war es Zeit zu gehen. Wir wussten jetzt, dass wir Gringos waren und bleiben würden.
Wenn ich heute das Messer in die Hand nehme, erliege ich fast seinen Einflüsterungen und glaube, dass ich einmal ein Mann der Steppe war. Aber dann meldet sich Nereo in meinem Gedächtnis zu Wort. „El león te enseña quién sos“, gab er uns zum Abschied mit auf den Weg: „Der Puma zeigt dir, wer du bist.“ Gauchos sagen das, wenn jemand seine Grenzen begreifen muss. Gut möglich, dass dieser Satz das wahre Souvenir der Reise ist.