Es ist ein Dschungel da draußen - Textbüro Hanisch | Texter Köln | Autor und Journalist
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Es ist ein Dschungel da draußen

DIE ZEIT, Nr. 11/2014

Es ist ein Dschungel da draußen

 

Moospolster wie Daunenkissen und Kräuter bis in den Himmel: Die Mondberge in Uganda sind eine der wunderlichsten Landschaften der Welt. Doch wer sie sehen will, muss sich warm anziehen. Dauerregen, Morast und Kälte bringen Wanderer an ihre Grenzen.

Es war der Moment, in dem Kitasamba zornig wurde. Aus dem Nichts beschwor er einen Nebel, der die Konturen meines Vordermanns ausradierte wie Gekritzel auf weißem Papier. Dann jagte er Böen über die Gletscherzunge und beschoss uns mit Eisschrapnellen. Bestimmt war es auch der Berggott, der dafür sorgte, dass mein linker Fuß plötzlich aus dem Steigeisen glitt. Einen übleren Zeitpunkt dafür gab es nicht: Die Stahlzacken steckten in blankem Eis mit einer Steigung von 50 Grad. Überall unter, neben und über uns prangte jener Gletscher, auf dem Kitasamba zu Hause ist. In knapp 5.000 Meter Höhe zwang er uns dann zum Umkehren. Was nur meine Schuld gewesen sein konnte. Denn beim frühen Aufbruch mit Stirnlampen hatte ich Kitasambas Namen ausgesprochen, obwohl uns die Träger davor warnten. Dies würde den Herrscher über Afrikas höchsten Gebirgsstock erzürnen und Stürme zur Folge haben, drohten sie. Und tatsächlich hatte nichts vernünftiger geklungen als das. Nicht hier, nicht in dieser Landschaft. Aber der Reihe nach.

Als im Dorf Nyakalengija im äußersten Westen Ugandas unser Gepäck an die Träger verteilt wird, brennt die Äquatorsonne die ersten Bergrücken des Ruwenzori aus dem Morgendunst. Unser Ziel liegt irgendwo dahinter: die 5.109 Meter hohe Margheritaspitze, der höchste Gipfel des Massivs und der dritthöchste Afrikas. Anders als die Nummern eins und zwei – der Kilimandscharo und der Mount Kenya – ist der Ruwenzori kein solitärer Vulkan und deswegen Afrikas höchstes Gebirge.

Der Weg hinauf gilt als einer der mühseligsten, die der Alpinismus zu bieten hat – steil, glitschig, voller Schlamm und Morast. Es gibt nur wenige Gegenden, in denen so viel Regen fällt: An 300 Tagen im Jahr schüttet es hier fast unaufhörlich. Gerade ist Trockenzeit, doch das bedeutet lediglich, dass es nun auch Regenpausen gibt.

Entlang der Dorfstraße reihen sich Adobehütten und schrankgroße Läden aneinander. In kreischbunte Kleider gehüllte Frauen balancieren Feuerholz auf ihren Köpfen, Hühner rucken durch blutroten Staub, irgendwo dröhnen Trommeln. Die winkenden Kinder sind die Einzigen, die sich für unsere losmarschierende Gruppe interessieren. Die Erwachsenen starren uns nur todernst an, als verstünden sie nicht, was wir da oben wollen. Und eigentlich wissen wir es ja selber kaum – sechs Bergsteiger, die nichts so sehr eint wie die Gewissheit, dass ihnen acht zähe Tage bevorstehen.

Der Ruwenzori ist eins der letzten kaum erforschten Gebiete der Erde. Und sagenumwoben von jeher. Vor 2.000 Jahren schrieb der griechische Geograf Ptolemäus von den Mondbergen im Innern des Schwarzen Kontinents, in denen der Nil entspringe. Seitdem suchten Forscher immer wieder nach dessen Quellen, zogen aber stets daran vorbei. Erst 1888 bekam der Afrikaforscher Sir Henry Morton Stanley als erster Europäer das mysteriöse, nur an 20 Tagen im Jahr wolkenfreie Gebirge zu Gesicht.

Nach unserer Abmeldung in der Rangerstation schließt sich der Dschungel über uns wie das Meer über einem Taucher. Metallicgrüne Vögel schwirren durch die Chlorophyllgewölbe, Schimpansen zanken jenseits des Mobuku-Flusses, der irgendwann im Nil aufgehen wird. Vorn marschiert Hezron. Der Mittdreißiger steht unseren vier Führern vor und erklärt uns seine Welt mit der steifen Oberlippe eines englischen Kolonialgelehrten. Erst zeigt sein Bambusstab auf Elefantenspuren, dann auf ein dreifach gehörntes Chamäleon. Wie die Spielzeugfigur eines Triceratops verharrt es auf einem Ast. Später queren Ameisenstraßen unseren Weg, auf denen Blätter und Maden transportiert werden. “Wenn du hier verletzt liegen bleibst, ist das dein Ende”, sagt Hezron und zwirbelt sein Bärtchen. “In zwei Tagen haben afrikanische Treiberameisen einen Menschen bis aufs Skelett entfleischt.”

Hezron trägt Zivil, seine Unterführer stecken in paketdienstbraunen Drillichuniformen. Die Männer gehören zum Bergvolk der Bakonjo, das nach seinem Selbstverständnis als einziges den Ruwenzori besteigen darf. Ausnahmen wie uns erbitten sie bei Kitasamba, zu dem der schmächtige Träger Isebani Kontakt hält. Jeden Abend befragt er die Gottheit in einem Ritual. Vielleicht schaut er deswegen immerzu drein, als denke er etwas Großes und Wichtiges.

Früher verdingte sich Isebani als Jäger – die Pirsch war lange der einzige Grund, den Ruwenzori zu erklimmen. Mit den Jahren entwickelten sich so jene vagen Pfade, auf denen wir heute unterwegs sind. Dann wurde die Jagd auf den Rotducker, eine ziegengroße Antilope, verboten. Darum stellen sich die Bakonjo den wenigen Touristen als Bergführer zur Verfügung. Wenn einer von ihnen loszieht, gibt sein Dorf ihm eine Art Einkaufszettel mit. Offenbar ist in den Bergen gegen jedes Leiden ein Kraut gewachsen. Immer wieder bleibt unser Führer Josephat stehen und erläutert die Heilpflanzen. Er kennt Blätter gegen Kopfschmerzen, Knospen gegen Husten, Stängel gegen Unfruchtbarkeit und Wurzeln gegen Schlangenbisse. Sogar bei Ehekrisen weiß Josephat Rat: Jeden Abend ein Tässchen Tee von diesen lippenstiftroten Blüten dort, und Scheidung sei kein Thema mehr.

Je höher wir kommen, desto düsterer und wunderlicher wird es um uns. Heidekraut wuchert hier 25 Meter hoch und verkeilt sich zu monumentalen Kuppeln über unseren Köpfen. Lindgrüne Flechten wehen wie Vorhänge von seinen Zweigen, Stämme und Äste sind mit kubikmetergroßen, grün, rot und gelb leuchtenden Moospolstern bepackt, aus denen wiederum Farne und Orchideen sprießen. Als ich mich einmal mit der Hand abstützen will, sinke ich in einem der Polster bis zur Schulter ein wie in Daunenkissen. Kein Wunder, dass die Träger das Moos manchmal als Schlafsack nutzen.

Abends erreichen wir die erste Schutzhütte, die wie alle Behausungen am Ruwenzori eine zugige Mischung aus Wellblechruine und Bretterverschlag ist. Die Träger lagern schon um ein Feuer, dessen Flammengeflacker ihre tiefschwarzen Gesichter wie Masken aussehen lässt.

Warum Ruwenzori in der Sprache der Bakonjo “Regenmacher” bedeutet, erleben wir am nächsten Tag: Es schüttet millimeterdicht. Jeder Schritt schmatzt im Schlick, der ganze Wald plätschert und gurgelt und gluckst. Es hört sich an, als verdaue er sich selbst. Doch was haben wir erwartet? Der Ruwenzori ist das große Wasserwerk für weite Teile Nord- und Ostafrikas. In der Regenzeit halten die Wälder das Wasser wie ein Schwamm zurück, in der Trockenzeit geben sie es an die vielen Zuflüsse des Nils ab.

Ohne Gummistiefel geht nichts

Am späten Nachmittag hört der Regen auf, dafür sickert eine tintige Finsternis ein, jagen schwarze Wolken wie eine Geisterflotte über den Himmel. In der Nacht lassen sie für einen Moment das vergletscherte Stanleyplateau unterhalb der Margheritaspitze auftauchen. Es leuchtet im Mondschein seltsam bläulich. Bald darauf erwache ich, ohne geschlafen zu haben – in der dünnen Luft jenseits von 3.500 Metern ist die Nacht im Schlafsack ein verzweifeltes Ringen um Entspannung.

Gefrühstückt wird schweigend. Dann werfen wir Entkeimungstabletten in unsere Feldflaschen und marschieren los in das erste der Tussockgras-Hochmoore, für die der Ruwenzori berüchtigt ist. Aber was heißt da marschieren? Wir springen von Grasbüschel zu Grasbüschel, die wie Struwwelpeterköpfe aus dem Morast ragen. Wer sie verfehlt, versinkt bis übers Knie im Sumpf. Früher haben sich die Jäger hier auf der Pirsch eingegraben. Dabei seien manche nie wieder zum Vorschein gekommen, erzählt Josephat raunend.

Ohne Gummistiefel jedenfalls geht nichts. Und wehe dem, der sich auf billige Exemplare aus dem Baumarkt verlassen hat – die Angst vor einem Bänderriss springt ständig mit. Fehltritt für Fehltritt greifen unterirdische Fußangeln nach mir. Einmal verliere ich den rechten Stiefel, der sofort im schwarzen Brei verschwindet. Mit beiden Händen grabe ich ihn wieder aus. Es ist ein Kampf, der nur zwei Reaktionen kennt: Schreien oder Stumpfsinn. Als ich nicht mehr sicher bin, ob ich noch genügend Gleichmut aufbringen kann, beginnt endlich ein Steg, den man kürzlich durch das Moor gelegt hat.

Der Ruwenzori ist eine Landschaft, die wie keine andere die Übertreibungslust weckt – und das Übertreiben gleich selbst besorgt. Das wird spätestens dann klar, als die ersten Lobelien auftauchen. Die Glockenblumengewächse, die zu Hause auf Balkonen sprießen, haben hier dachlattenlange Blütenstände. Aber sie sind erst der Auftakt eines Zauberwaldes, der nun endgültig jedes Maß über den Haufen wirft: Überall ragen gut zwölf Meter hohe Blumen empor. Es sind bis zu 300 Jahre alte Senecien, Verwandte unseres Huflattichs, die sich mit einer Halskrause aus welken Blättern gegen den Nachtfrost schützen. Der Weg durch dieses Delirium der Natur ist kaum zu erkennen – zu viele Stängel sind umgestürzt und liegen herum. Wie Käfer klettern wir über die Pflanzenleichen, die in der Höhe viel langsamer verrotten als im Tropenwald.

Der Riesenwuchs hat seine Gründe. Die meist dicke Wolkendecke des Ruwenzori reguliert die UV-Strahlung, die mit zunehmender Höhe eigentlich immer schädlicher wird. Sie reicht jedoch aus, um in den Pflanzen Mutationen auszulösen. Dazu waschen die starken Niederschläge wertvolle Mineralien aus dem Gestein, und in Trockenzeiten bringt der Wind zusätzlich düngende Asche von den ostafrikanischen Buschbränden. Alles zusammen beschert dem Ruwenzori die größte Vegetationsdichte des Planeten.

Auf 4.000 Metern Höhe breitet sich der Bujuku-See aus, dessen dämonische Aura an ein Album-Cover von Black Sabbath erinnert. Das Wasser schimmert wie ein erblindeter Spiegel, am Ufer liegen hausgroße schwarze Felsen, die von löchrigem Moos in Maisgelb, Giftgrün und Knallorange überwuchert sind. Nebel wabert, es herrscht Grabesstille. Immer stärker wird jetzt das Gefühl, ein Eindringling zu sein, ein als Tier gescheiterter Mensch, der mit all seinen Teleskopstöcken, Wasserschläuchen und Goretexjacken hier nichts zu suchen hat.

Als ich nach neun Stunden endlich aus den Gummistiefeln steige, klopft Höhenkopfschmerz von innen an meinen Schädel. Die Klamotten sind klamm, der Atem steht auch in der Hütte vor dem Mund. Und das Essen im Schein der Stirnlampe wird nicht besser. Wieder Reis. Wieder holziges Gemüse. Wieder Huhn, das nichts als knorpelig ist. Meine Hose rutscht längst, erneut nestele ich am Gürtel. Husten bellt durch den eiskalten Raum, zu dem sich später das Gefauche der murmeltierähnlichen Baumschliefer gesellt. Mein Sinnpegel beginnt zu sinken.

Der Morgen aber entschädigt für alles. Funkelnder Reif bezuckert das lebenspralle Grün, rosa Sonnenlicht strömt die Berge herab, die mit ihren feinen Zacken aussehen wie gigantische Laubsägearbeiten. Wieder geht es steil hinauf durch Senecien und 15 Meter hohes Johanniskraut. Rund um unser letztes Nachtlager vor dem Gipfelversuch aber prangt dann nur noch nackter Fels. Der windschiefe Unterschlupf auf 4.600 Metern krallt sich verzweifelt in algenbesprenkelten Stein. Das Plumpsklo liegt irgendwo im Granit, man muss klettern, um es zu erreichen.

400 Meter über den letzten Pflanzen des Ruwenzori müssen auch wir uns geschlagen geben. Hier trifft uns der Zorn Kitasambas auf seinem Gletscher.

Der Abstieg auf einer anderen Route ist ein frustrierender Rückzug. Ich hadere mit dem Berggott, der mir mittlerweile vorkommt wie eine handfeste Realität. Scheitern ließ uns aber nicht nur das Wetter, sondern auch der Klimawandel. Er ist schuld daran, dass der Gletscher schrumpft und dabei immer steiler wird. Zudem fehlt heute oft der Schnee, der sichere Tritte auf dem Eis ermöglicht. Experten geben dem Gletscher noch zwanzig Jahre. Kitasamba wird wohl umziehen müssen.

Auf dem 13-stündigen Marsch durch schwarze Felstrümmerwüsten ins Kitandara-Tal überfallen uns Hagelgewitter wie Hassausbrüche der Natur. Aber ich finde ein Mittel gegen die drohende Weinerlichkeit: Ich stelle mir vor, dass sich später einmal jemand über einen verregneten deutschen Sonntagsspaziergang beschweren wird und ich dann die Stimme erheben und fragen werde: Regen? Das nennst du Regen? Damals in Uganda, das war Regen!

Reservetag ist ein sprödes Wort. Heute aber könnte es nichts Schöneres bedeuten: einen Tag faulenzen an zwei Seen, die, eingeklemmt zwischen grünem Dschungelbrokat, wie Augen zum Himmel schauen. Prompt gibt sich der Ruwenzori an den Kitandara-Seen so elysisch wie an keinem Tag zuvor. Ich habe nun nicht mehr das Gefühl, in Moosen und Blattgrün zu ertrinken. Vielmehr treten die Riesen zu einer Art megalomanem Ziergarten zusammen, in dem es riecht wie in einem Bonbonladen. Dazu ist alles durchwirkt vom Gezwitscher unzähliger Nektarvögel, deren petrolfarbenes Gefieder in der Sonne schimmert, als werfe man Tücher aus Satin in die Luft.

Als Paradies geht der Ruwenzori trotzdem nicht durch. Gleich hinter dem Ufer der Kitandara-Seen beginnt nämlich die größte Filiale der Hölle auf Erden. Es ist der Kongo. Bis vor Kurzem lagen dort die Stützpunkte von Bakonjo-Rebellen, die weithin für Angst und Schrecken sorgten. Erst als Uganda die Wiedergründung eines alten grenzüberschreitenden Königreichs erlaubte, ließen die Überfälle nach. Nur noch etwa hundert Aufständische soll es heute auf der kongolesischen Seite geben. Und nur dort muss man sich vor Landminen fürchten – auf ugandischem Gebiet wurden sie vor wenigen Monaten geräumt.

Da schon die Margheritaspitze nicht klappte, will ich wenigstens einen Abstecher ins Reich des Wahnsinns wagen. Der Träger Morris führt mich über die Grenze und durch einen farnverschleierten Senecienwald. Nach zwei Stunden stehen wir auf einem namenlosen Gipfel, von dem aus man tief in den Kongo hineinschauen kann – bei schönem Wetter. Ich sehe nur Wolken. Die allerdings wallen so lüstern langsam zu uns herauf, dass ich an die berühmte Stelle aus Joseph Conrads Kongo-Roman Herz der Finsternis denken muss: “Das Grauen! Das Grauen!” Auf dem Rückweg trete ich besonders penibel in Morris’ Fußstapfen. Der wisse genau, wo die Minen lägen, hat Hezron gesagt. Jetzt frage ich mich, woher er die Stellen kennen kann.

Die letzten zwei Abstiegsetappen verlangen noch einmal alles. Sie führen über seifige Felsen und Wiesen mit zweieinhalb Meter hohen Strohblumen, durch tückischen Morast und lichtdurchbohrte Bambuswälder. Wieder fühle ich mich wie im Land Brobdingnag aus Gullivers Reisen. Wieder bin ich müde, wieder erzwingt jeder Schritt höchste Konzentration. Aber das ist egal. Es geht mir großartig.

Als wir später mit Bärten und zerschrammten Händen auf Nyakalengija zugehen, prasselt ein neuer Regenguss heran. Er kümmert mich jetzt so viel wie irgendein Windstoß. Ein letztes Mal will ich meinen Gürtel enger schnallen, aber es ist kein Loch mehr übrig. In dem Moment krakeelt ein Schimpanse im Geäst. Kurz bilde ich mir ein, es sei das höhnische Lachen von Kitasamba.