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Im Lavaland

DIE ZEIT, Nr. 43/2018

Im Lavaland

 

Die schroffe Vulkaninsel Lanzarote scheint losgelöst von Zeit und Raum. Ihre schöne Kargheit erlebt man am besten in den Buenavista Country Suites.

Der Gast erwacht in grauer, in rotgrauer Vorzeit. So sieht es jedenfalls vor dem Fenster aus: Vulkankegel von gespenstischer Perfektion ragen aus einer Wüste geborstener Lava, darüber treiben Wolken, denen das Morgenlicht violette Bäuche malt. Trotten gleich noch Dinosaurier durchs Bild? Passend wäre es.

Dass die Buenavista Country Suites auf der kanarischen Insel Lanzarote solche Panoramen bieten, vermutet man bei der Anfahrt nicht gleich. Schmucklos und kalkweiß kauern die Kuben des Bed & Breakfast allein in einer Senke. Sie entsprechen damit dem architektonischen Reinheitsgebot der Insel: Jedes Dorf und jedes Häuserensemble sieht hier von Weitem aus wie ein Haufen Würfelzucker in einem Sandkasten. Die zerwühlte Landschaft hat die Farbe von geronnenem Blut und entstand, als die Erde ab 1730 sechs Jahre lang Feuer spuckte. Heute ragen 100 Vulkane aus dem Boden, ein Viertel der Inselfläche ist mit erstarrter, scharfkantiger Lava bedeckt.

Das morgendliche Wo-bin-ich-Gefühl auf dem Zimmer hält eine Weile an. Grund dafür sind die rahmenlosen Riesenfenster. Wie Dioramen in einem Naturkundemuseum inszenieren sie Lanzarotes Kargheit, holen das Draußen ins Drinnen und erheben es zum alles beherrschenden Eindruck. Das Interieur unterwirft sich dem mit ausgesuchter Schlichtheit. Die Böden sind aus Beton, die Dekoration ist knapp gehalten: hier ein Ziegenbockschädel auf einer Sisalmatte, dort eine abstrakte Kohlezeichnung an der Wand.

Die einstige Funktion der Häuser kann man dennoch erkennen: Sie gehörten einmal zu einem Weingut. In einem der fünf Bungalows steht noch eine alte Traubenpresse, deren gewaltiger Holzbalken durch einen Teil des Raums ragt, die Mauer zum Bad durchbricht und dort neben der Dusche endet. Die Wände sind wie früher zum Teil mit kittgrauer Schutzfarbe gestrichen. Die passt in ihrer Zurückhaltung gut zum Beton am Boden und zu den Polstern in Braun, Lindgrün und Taubenblau.

So richtig üppig wird es erst, wenn Gonzalo Bethencourt mit dem Frühstück kommt – unter lauter Inselspezialitäten, vom Ziegenkäse bis zu hausgemachtem Kuchen, erkennt man kaum noch den Tisch. Mit seiner Familie und drei Labradoren wohnt der Besitzer selbst auf dem Anwesen. Sieben Jahre stand das alte Weingut leer, bevor er es erwarb und mit dem Architekten Néstor Pérez Batista aufmöbelte, der lange dem Multitalent Ólafur Elíasson in Berlin zugearbeitet hatte. “Lanzarote ist keine Insel, die es jedem recht macht”, sagt Gonzalo. “Sie ist ein bisschen ruppig, und das soll man auch spüren.”

Der Weinbau als Gesamtkunstwerk

Wenn er so redet, klingt er wie der Inselheilige César Manrique. Gemeinsam mit seinem Jugendfreund, dem Präsidenten der Inselregierung, brachte der Künstler und Naturschützer ganz Lanzarote unter seinen Stilwillen, setzte durch, dass alle Dörfer wie aus einer Hand aussehen. Er ersann auch diese übergroßen Aussichtsfenster, die er seinerzeit in Lavahöhlen schlug. Das Vexierspiel aus Zeitgeist und Prähistorie, das man in der Suite erlebt, verdankt sich also auch Manriques Inspiration.

Ein weiteres Werk zwischen Natur und Architektur, das nichts mit dem Erbe des 1992 verstorbenen Manrique zu tun hat, beginnt gleich hinter den Bungalows. Dort sprießen die Reben von Gonzalos eigenem kleinen Weingut aus dem Vulkanschutt hervor. Jede einzelne Rebe hockt in einem bis zu drei Meter tiefen Trichter, den man buddeln musste, um unter dem Grus an die fruchtbare Lavaasche zu kommen. Zusätzlich liegt die Pflanze in der steinernen Umarmung einer halbrunden Trockenmauer, die verhindert, dass das Lavagranulat von den Passatwinden verweht wird. Die porösen Bröckchen halten den raren Regen an der Rebe.

Gonzalos Weinberg ist erst der Auftakt. Ein paar Kurven weiter fängt das Anbaugebiet La Geria an, wo mehr als 10.000 dieser dunklen Trichter die Landschaft mit einem wunderlichen Golfball-Dellenmuster überziehen. Eine Verfremdung von ornamentaler Schönheit: Bereits 1964 zeigte das New Yorker MoMA eine Ausstellung über Lanzarotes einzigartige Weinbau-Architektur und erklärte La Geria zum Gesamtkunstwerk.

Malvasía Volcánica heißt die Traube, die in diesem Œuvre gedeiht. Natürlich will man sie probieren und landet auf der Terrasse der Bodega El Chupadero. Der weiße Malvasier schmeckt nach Mango und Ananas und so mineralisch, als lägen Kiesel im Glas. Dazu taucht die Abendsonne die gemusterte Landschaft in einen zeremoniellen Goldton, und man ist mit jedem Schluck überzeugter, dass sie in New York etwas von Gesamtkunstwerken verstehen. Den nächsten Schoppen trinkt man allerdings besser daheim – La Geria ist berüchtigt für seine Alkoholkontrollen.

Vor dem Kater muss einem nicht bange sein. Man kann ihn sich anderntags unter Anleitung einer sanftmütigen Yoga-Lehrerin aus dem Kopf turnen. Familie Bethencourt und affine Gäste treffen sich gleich morgens in einer eingestürzten Lavablase, in die der ewige Inselwind nicht hineinfindet. Dort liegt man im knirschenden Granulat auf der Matte, streckt sich und genießt die Morgensonne im Gesicht. Spätestens jetzt wundert einen nicht mehr, dass der Wein hier sprießen mag.

Schöner Schrott

Inseln sind seit je Sehnsuchtsziele von Originalen und Künstlern. Mick Gonnel ist beides. Vor 30 Jahren landete der Franzose mit einem Boot auf Lanzarote und blieb. Seine Objekte aus Schrott sieht man an unterschiedlichen Orten der Insel, in Bars, Restaurants – und auch in den Buenavista Country Suites. Sie sind so nackt und spröde wie die Landschaft, nur viel humorvoller: Seepferdchen aus Motorradketten, Aquarien voller Metallfische, absonderliche Figuren aus Kühlergrills. Am besten schaut man sich einen ganzen Schwung von Gonnels Arbeiten direkt im Atelier an. Kaufen könnte man sie auch – wenn man nur genug Platz im Koffer hätte.

Frische Fische

Wo isst man auf einer Insel am liebsten? Natürlich am Strand. An der Küste von El Golfo in Lanzarotes Südwesten gibt es ganz großartigen Fisch. Und den allerbesten, heißt es, hat das Restaurant La Lapa. Mag es auch noch so sehr wie eine Tankstelle aussehen. Während die vielen einheimischen Gäste des Lokals Dutzende Wangenküsse tauschen, referiert der Kellner eine scheinbar endlose Liste von Vorschlägen. Und was soll man sagen? Besser kann der Ozean nicht schmecken. Wenn bei schlechtem Wetter die Fischerboote drei Tage lang nicht aufs Meer können, muss das La Lapa übrigens schließen. Gibt es einen besseren Beleg für Frische?

Radtour

Mehr als 600 Pflanzenarten sollen auf Lanzarote wachsen. Aber wo? Bestimmt nicht im geologischen Delirium aus rasiermesserscharf zersplitterter Lava rund um den Nationalpark Timanfaya. Wer diese Landschaft sieht, ahnt: ein falscher Schritt hinein, und der Knöchel bricht. Aber mit dem Fahrrad rollt man ganz prima durch dieses Standbild einer Katastrophe. Aus Süden kommend, biegt man vor Masdache auf die Landstraße LZ 56 ein und radelt durch das größte Lavafeld der Welt. Dem letzten Glutstrom stellten sich 1824 die Bewohner von Mancha Blanca mit ihrer Schutzheiligen entgegen; die Lava soll sofort gestoppt haben. Von dort fährt man bis Uga, wo die Kamele für Touristentouren untergebracht sind. Auf der LZ 30 geht es dann durch die Weinregion La Geria zurück.