Oh, James! - Textbüro Hanisch | Texter Köln | Autor und Journalist
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Oh, James!

DIE ZEIT, Nr. 45/2005

Oh, James!

 

Im Lake Palace residierten einst Maharadschahs. Ein Roger Moore konnte da kaum Eindruck schinden, als er “Octopussy” drehte. Aber in der Bar werden die Cocktails noch heute geschüttelt und nicht gerührt

Der Weg ins Paradies beginnt mit Fremdelei. Man sitzt im zahnpastaweiß ausgeschlagenen Fond einer Karosse und schaut linkisch drein. Warum nur? Weil man jetzt lieber einen Anzug trüge? Weil man schwitzt wie ein Bauarbeiter, während Jonathans lila Turban vornehm schimmert? Oder sind es seine feuchtkühlen Frotteetücher, die einen aus der Balance bringen? Gut möglich. In ihnen steckt so viel Ergebenheit. Viel zu viel, um ihr gleich entsprechen zu können.

Dabei sollte man die Fahrt durch Udaipur einfach genießen. Die Stadt im Süden Rajasthans ist eine Bilderfabrik. Hinter jeder Kurve produziert sie Sensationen, wie man sie nur in Indien zu sehen bekommt. Frauen gehen in papageienbunten Sariwolken. Kühe stromern herum. Männer halten Barbieren ihre eingeschäumten Wangen hin. Und vor Hindutempeln stehen halb nackte Sadhus auf einem Bein. Aber es hilft nichts. Der elefantengraue Oldtimer ist eine Schleusenkammer. Gnadenlos trennt er die Sphären. Auf der einen Seite herrscht indisches Bilderbuchchaos, auf der anderen Attitüde. Zum Beispiel die des Chauffeurs. Er zelebriert sein Fahren wie ein Hochamt. Und weil es in dem 57 Jahre alten Chrysler keine Klimaanlage gibt, zieht Jonathan immer wieder neue, zu Stangen gerollte Frotteetücher aus einer Kühlbox. Der junge Butler reicht sie mit einer elfenbeinernen Zange und einem Lächeln voll orientalischer Zartheit. Jedes Tuch ist eine neue Gelegenheit, sich im stilvollen Empfangen von Wohltaten zu üben. Die Pose ist schwieriger, als man denkt. Doch man wird sie brauchen.

Kammerdiener Jonathan und Fahrer Presingh sind im Auftrag des Lake-Palace-Hotels unterwegs. Wer in dieser berühmtesten aller Palastherbergen Indiens eine Suite gebucht hat, wird von seinem persönlichen Butler in einem »Vintage Luxury Car« vom Flughafen abgeholt. Nach 45-minütiger Fahrt erhebt sie sich inmitten eines Sees. Ganz aus perlweißem Marmor gebaut, glitzert das Wasserschloss wie eine Bollywood-Fantasie in den Wellen. Maharadscha Jagat Singh II. errichtete es 1746 als seinen Sommerpalast. Der Bau ist eine Orgie des Filigranen mit Pavillons und Erkern, mit Nischen und Bögen und zu Sternenfeldern durchbrochenen Ausblicken. 1963 wurde der Palast zum Hotel umgebaut. Seitdem residierten hier die Königin von England und der Schah von Persien, Henry Kissinger und Paul McCartney. Doch wirklich berühmt gemacht hat das Hotel Lake Palace ein anderer. Einer, der jederzeit die passende Garderobe trug. Einer, der nie schwitzte. Einer, der über jeden sozialdemokratischen Affekt erhaben war und der nicht nur Frotteetücher wie ein Weltmann zu nehmen wusste: James Bond.

Das Lake Palace gilt als »Octopussy-Hotel«. Das Paradebeispiel rajputisch-mogulischer Baukunst diente dem 13. Bond-Abenteuer mit dem schlüpfrigen Namen als Angelpunkt. 1983 kam der Film mit Roger Moore als Agent 007 in die deutschen Kinos. Sein knapp einstündiges Herzstück entstand ein Jahr zuvor in Udaipur. Die Macher waren sich damals schnell einig, dass die romantische Stadt zu Füßen des Arawalli-Gebirges der Ort gewesen sein musste, den Drehbuchautor George MacDonald Fraser beim Schreiben im Sinn gehabt hatte. Und schon beim ersten Blick auf das funkelnde Traumschiff des Lake Palace im Pichola-See wusste Bond-Regisseur John Glen, dass nur hier die Titelheldin ihr Hauptquartier würde haben können.

Im Film herrscht die Amazonenkönigin Octopussy in ihrem Wasserpalast über ein Heer weiblicher Wesen. Mit ihnen betreibt sie einen weltweiten Juwelenschmuggel. Als Vehikel dient ihr ein Wanderzirkus. Die wahren Schurken aber sind ihre Partner. Als Oberschuft tritt ein sowjetischer General auf, der mit Octopussys Zirkus eine Atombombe auf eine amerikanische Militärbasis in Westdeutschland bringen und dort detonieren lassen will. Die Katastrophe soll wie ein Unfall aussehen und den Westen zu einer einseitigen Abrüstung nötigen. Am Ende kommt natürlich alles so, wie es kommen muss: 007 vereitelt den Plan, und die Amazonenkönigin haucht »Oh, James!« in seinen Armen.

Wie immer tut die Handlung nichts zur Sache. Denn auch Octopussy verliert sich in Umständlichkeit, sobald der Film seine Abenteuer zu begründen versucht. Schließlich kennen James-Bond-Produkte nur ein Gebot: den Zuschauer nicht zur Besinnung kommen zu lassen. Sie geben vor, eine Geschichte zu erzählen. Doch in Wahrheit herrscht die Dramaturgie des Vorwands, um eine Verfolgungsjagd an die nächste zu schneiden. Auch die Nähe zur Politik des Kalten Kriegs im vorletzten Bond-Film mit Roger Moore ist nur die graue Wand, von der sich die Blüten der Fantasie umso farbenprächtiger abheben sollen. Und an keiner Stelle des Reißers tun sie dies üppiger als in den Indiensequenzen von Udaipur.

Das sehen John und Geoffrey ähnlich. Und darum sind sie hier. Beide stehen in weißen Jacketts auf einer der vielen Terrassen des Lake Palace. Die Abendsonne illuminiert ihre Drinks, als handle es sich um einen kinematografischen Effekt. Bei jedem Schluck blecken sie kurz die Zähne und spüren versonnen dem Feuerstoß hinterher, mit dem der Alkohol ihre Speiseröhren hinablodert. Ihr erstes James-Bond-Abenteuer haben sie in den siebziger Jahren gesehen. »Wir gingen als Jungen ins Kino hinein und kamen als Geheimagenten mit der Lizenz zum Töten wieder heraus«, bekennen die beiden Freunde aus London, die seitdem jeden Bond-Film mitsprechen können. Ihre Reise nach Indien sei eine Expedition, sagen sie. Eine Reise in ein Reich, in dem sie das zu finden hofften, was ihr Held wie kein anderer verkörpere: Stil.

Wer das Distinguierte sucht, ist im Lake Palace richtig. Hier haben zahllose dienstbare Geister den ganzen Tag nichts anderes im Sinn, als aus jeder Sekunde reinen Genuss zu destillieren. Der Schriftsteller Rudyard Kipling schrieb einmal, die Maharadschas seien vom Schicksal einzig dazu auserkoren, der Menschheit ein Spektakel zu bieten. Es ist ein Spektakel, das sich nicht zuletzt in einer atemberaubenden Gastfreundschaft äußert. Die Angestellten der Taj-Gruppe, die das Palasthotel 1971 vom damaligen König Bhagwat Singh pachtete, führen diese Bestimmung fort. Weiß gewandete Riesen schützen die Gäste mit Baldachinen vor der Sonne. Stühle werden untergeschoben, Servietten auf Schößen drapiert, Speisekarten mit formvollendeten Verbeugungen überreicht. Und unter jedem Turban leuchtet dieses Märchenlächeln. Es kündet von einer vorbehaltlosen Hingabe an die Idee des Dienens, einer Leidenschaft, die man nicht lernen kann.

»Mister Moore aß immer nur Spaghetti mit Tomatensoße«

Es dauert ein wenig, bis man diese Hingabe begreift. Bis der westliche Argwohn kapituliert und man in diesem warmen Strudel aus nichts als Liebenswürdigkeit zu baden lernt. Irgendwann aber schafft man es – und wird kleinlich. Was ist mit den Klimaanlagen auf dem Dach? Lassen sich die hechelnden Röhren nicht diskreter verstecken? Wieso steht der Zeiger der Waage im konferenzraumgroßen Bad nicht auf null? Und was soll diese winzige Erhebung an der Unterseite der hantelschweren Silberlöffel? Dieser Knubbel, der beim Essen den Eindruck erweckt, als klebten Speisereste am Besteck? Doch die Suche nach den Sprüngen im Kristall des Schönen ist nur ein Spiel. In Wahrheit wirkt der allgegenwärtige Liebreiz wie ein stärkendes Tonikum. Er streichelt die Sinne und weitet die Seele. Wen will da kümmern, dass eine vierköpfige Familie mit dem Geld, das eine Suite pro Nacht kostet, in Udaipur anderthalb Jahre leben kann?

Wo der Stil einer mehr als tausendjährigen Kultur walte, sei kein Platz für einen übertriebenen Kotau vor einem englischen Agenten, sagt einer der Manager. Dennoch finden sich in der Bar nicht weniger als 20 Martini-Cocktails zu Ehren der Kultfigur. Sie heißen Golden Gun oder From Russia with Love. Alle geschüttelt, nicht gerührt. Wer zwei Monate im Voraus bestellt, kann auch am verwunschenen Lilienteich des Innenhofs in einem kleinen spitzgiebeligen Zelt Platz nehmen und sich ein siebengängiges James-Bond-Menü servieren lassen. Die Gerichte auf einer Speisekarte aus Marmor mit aufgeprägter Bond-Pistole reichen von Money Penne bis zu Licence to kill, einem Parfait aus Safran, Kardamom und Brandy-Zabaione. Ein Blick nach oben genügt, und man ist im Bild: Während des Tafelns wird auf die Dachunterseite des Zelts das Octopussy-Abenteuer ohne Ton projiziert.

Als Roger Moore im Lake Palace drehte, hatte er mit solchen Gaumenfreuden wenig im Sinn. »Mister Moore bestellte nur Spaghetti mit Tomatensoße. Er aß überhaupt nichts anderes«, berichtet der seit 36 Jahren im Lake Palace wirkende Chefkoch mit dünner Stimme. Der kleine Mann scheint immer noch ein wenig gekränkt zu sein von so viel kulinarischer Ignoranz. Seine Miene hellt sich erst auf, als er von den vielen Amazonen berichtet. Direkt vor seinem Restaurant hätten sie ihre langen Beine in die Sonne gestreckt. »So viele Mädchen. Und eins hübscher als das andere«, schwärmt er und schüttelt dabei seine Hand, als hätte er sie sich gerade an einem seiner Töpfe verbrüht.

Über dem See ist der Mond aufgegangen. Er sieht aus wie eine fette goldene Pampelmuse. John und Geoffrey stehen immer noch auf der Terrasse und sehen zu, wie in Udaipur die Lichter zu glimmen beginnen. »Dort drüben«, sagt Geoffrey und deutet mit seinem dritten Whisky auf ein kleines Waldstück. »Dort war es. Dort haben sie die Tigerjagd mit den Elefanten gedreht. Und diese abscheuliche Szene.« Sie ist wahren Bond-Fans bis heute ein Dorn im Auge. In ihr hat sich 007 auf der Flucht vor sei- nen Verfolgern an Lianen von Baum zu Baum geschwungen. Im schicklichen Khakianzug. Aber mit dem Tarzan-Schrei von Johnny Weissmüller. »Ich bitte Sie«, empört sich Geoffrey, »James Bond. Mit einem Tarzan-Schrei!«. Was Roger Moore von solchen Vorwürfen hält, wissen die Engländer nicht. Aber sie wollen wissen, was er gesagt hat, als beim Dschungeldreh ein Elefant seine Exkremente genau über den Utensilien des Schauspielers abwarf. Da soll Moore mit den Schultern gezuckt und kommentiert haben: »Wo immer ich bin – Kritiker!«

Kurz nach seinem unglücklichen Lianenausflug wird James Bond im Busch von einem Tiger gestellt. Das Tier steht in der Residenz von Arvind Singh. Der ältere Herr ist der Eigentümer des Lake Palace und der 76. Maharana von Udaipur. So nennen sich die Maharadschas der Mewar-Dynastie, des ältesten noch lebenden Herrschergeschlechts Indiens. Das Filmteam hatte sich die ausgestopfte Großkatze geborgt, auf eine Schubkarre montiert und raste mit ihr durch einen verwilderten Park der Familie. Gebrüll vom Band habe die Illusion perfekt gemacht, erzählt Arvind Singh und tätschelt väterlich den toten Tigerkopf. Dann pflückt der massige Mann mit der Bärenstimme ein winziges Kanapee vom Tablett eines seiner Lakaien. Kauend schreitet er auf eine Terrasse vom Maß eines halben Fußballfelds. Sie gehört zum größten Palastkomplex Rajasthans, der sich wie ein honigfarbener Gebirgszug am Ufer des Pichola-Sees entlangzieht.

Wäre Arvind Singh ein Tiger, man würde ihn als Prachtexemplar bezeichnen. Sein mächtiger, zu beiden Seiten ausschwingender Vollbart lässt ihn aussehen wie das indische Double von Ernest Hemingway. Wenn er Lust hat, empfängt er hin und wieder einen Journalisten zum Cocktail auf seiner Veranda. Dort erzählt der Rajpute zum Beispiel davon, dass er der Octopussy-Filmcrew vor 23 Jahren den roten Teppich ausrollen ließ. Dass er sie mit Wein aus Rosenblüten bewirtete und dass er dem sprühenden Charme von Roger Moore erlegen sei, obwohl sein James Bond eigentlich Sean Connery heiße. Und er erläutert, wie wichtig der Film für Udaipur war, weil er die Stadt bekannt machte und sie aus dem touristischen Schatten von Jodhpur und Jaipur heraustreten ließ. Tatsächlich hat Octopussy bis heute kaum an Bedeutung eingebüßt. Arvind Singhs Untertanen zeigen das Actionspektakel immer noch Abend für Abend in den vielen Dachrestaurants der Stadt.

Mit der Unabhängigkeit Indiens im Jahr 1947 verloren die Maharadschas ihre Ämter und gut zwei Jahrzehnte später ihre Apanagen. Doch ihr Ansehen verloren sie nie. Bis heute verneigen sich vor Arvind Singh bei Empfängen Honoratioren, Generäle und Wirtschaftsführer, um seine Füße zu berühren. Und das einfache Volk erstarrt bei einer Begegnung mit ihm regelrecht vor Ehrfurcht. Sein Erfolg als Hotelier mag solchen Respekt befördern. Als einer der Ersten erkannte Singh, dass man mit dem Verlangen der Touristen, sich einmal wie ein Maharadscha zu fühlen, viel Geld verdienen kann. Wie andere Adelige hat der Maharana seine Schlösser, Sommersitze und Jagdhäuser in ganz Rajasthan vor dem Verfall gerettet, indem er sie nach dem Beispiel des familieneigenen Lake Palace in Hotels umgewandelte.

Für 70 Rupien fährt Kunal die Rikscha-Verfolgungsjagd nach

Im Labyrinth von Arvind Singhs Stadtpalast sind auch zwei Luxushäuser untergebracht. Eins davon ist das Shiv Niwas, das bis zu den Dreharbeiten an Octopussy nur privaten Gästen des Königs vorbehalten war. 1982 wohnte hier das Team. Als einer der ersten Hotelgäste bezog Roger Moore die turnhallengroße Royal Suite, in der er sich unter einem roten Lüster mit dem Volumen eines Kleinwagens bettete.

Die Pool-Partys der Kinomenschen im Shiv Niwas waren legendär. Viele schwärmen noch heute von ihnen. Etwa die Textilhändler, die den Requisiteuren Berge von Saris und Vorhängen verkauften und sich mit den Erlösen stattliche Läden bauen konnten. Für Kunal indes sind vom großen James-Bond-Kuchen nur Krümel abgefallen. Seit zwei Jahrzehnten fährt er mit seinem Dreiradtaxi Touristen über den Kurs der legendären Rikscha-Verfolgungsjagd. 70 Rupien kostet der Spaß. Die Produktion der Sequenz gehörte zu den gefährlichsten des Films. »Wir hatten 5000 Statisten gesucht, aber es erschienen mehr als doppelt so viele, und es wurden von Stunde zu Stunde mehr«, erinnert sich der Regisseur an die chaotischen Zustände.

Für einen möglichst originalen Eindruck rast Kunal so schnell er kann über eine abschüssige Straße. Der Motor röhrt wie ein wütender Wespenschwarm. Kunals Slalom durch die Menschenmassen hat Achterbahnqualität. Sarizipfel peitschen ins Gesicht, Melonenstapel drohen umzustürzen. Und immer wieder brüllt Kunal neue Informationen über die Schulter. Nach 20 Minuten endet seine Exkursion auf einem Marktplatz. »Gobinda! Fighting! Fighting!«, schreit er jetzt und fuchtelt in der Luft herum. Ach Kunal, denkt man als fachkundiger Passagier und ringt mit dem Schwindel. Erzähl kein Komparsenla- tein. Wahre Fans wissen doch, wo Bonds Schwertkampf gegen den Zweimeterschurken Gobinda wirklich stattfand: in den Kulissen der Londoner Pinewood-Studios.

Als ein Reporter den Octopussy-Produzenten Albert R. Broccoli einmal fragte, wie lange die Bond-Begeisterung anhalten werde, antwortete der: »Bis zum jüngsten Gericht.« Wer in Kunals rasender Rikscha saß, wer im endlosen Geflacker und Geplärre der James-Bond-Restaurants zu Abend speiste oder wer es irgendwann aufgab, die selbst ernannten guten Freunde Roger Moores zu zählen, der weiß auf Anhieb: In Udaipur wird Broccoli Recht behalten. Wer aber vom zuckerwattesüßen Luxus des »Octopussy-Hotels« gekostet hat und sich aussuchen dürfte, entweder James Bond oder ein Maharadscha zu sein – er müsste lange überlegen.