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Ohne Worte

DIE ZEIT, Nr. 8/2012

Ohne Worte

 

Im spanischen Zisterzienserkloster Santa Maria de Poblet können Touristen ihre innere Welt wieder ins Lot bringen. Sie müssen nur schweigen lernen

Die Schattenseiten des Fortschritts enden abrupt. Eben noch verriegelten Gewerbehallen das Land, rotierten Windräder auf Höhenzügen, vernähten Stromleitungen die Ebene zwischen Tarragona und Lleida. Doch nach meiner Ankunft am Bahnhof von Espluga de Francolí wähne ich mich im Eröffnungsbild einer Kinderbibel. Zwei Zugstunden westlich von Barcelona wuchern plötzlich Korkeichen hexenhaft zwischen Olivenhainen, und Berge fließen unter einem orangefarben lodernden Abendhimmel ineinander. Nur noch mein Rollkoffer erinnert an die Tücken des 21. Jahrhunderts. Beim Fußmarsch über die Landstraße sind seine Plastikrädchen geborsten, jetzt schleife ich ihn hinter mir her. Passt doch. Denn dort, wo ich hinwill, ist Bequemlichkeit kein Thema.

Die nächsten Tage werde ich mit Mönchen im größten Zisterzienserkloster des Abendlands teilen. Es heißt Santa Maria de Poblet und erhebt sich aus der Bibellandschaft wie eine Verschwörung gegen das Heute. Mittelalterliche Türme und Zinnen, Schießscharten und Wehrgänge machen die Abtei zum Bollwerk. Ich betrete sie durch die Tore dreier Mauerringe. Hinter den ersten beiden Einlässen gähnen einschüchternd leere Innenhöfe. Nach der dritten Pforte aber beginnt die Klausur: ein Durcheinander von Treppen, Gängen, Brücken und Atrien, das M. C. Escher eingefallen sein könnte.

Ratlos bleibe ich stehen. Es ist, als habe das Kloster mich verschluckt. Da tritt eine Gestalt in leuchtend weißer Zisterzienserkutte hinter einer Säule hervor. Der Mann legt mir zur Begrüßung die Hände auf die Schultern. Ich will mich erklären, doch Padre Paco streicht sich nur über die Lippen und lächelt. “Beim vielen Reden wirst du der Sünde nicht entgehen”, zitiert er den heiligen Benedikt. “Wir reden hier nur dann, wenn es nicht anders geht.” In meinen Ohren klingt das wie eine Drohung.

Der Mittsiebziger kümmert sich um die 14 Gästezimmer in der Klausur von Poblet. Sie stehen Landstreichern, Pilgern und Wanderarbeitern offen. Und Touristen, die hier ihre Welt wieder ins Lot bringen und an der Liturgie teilnehmen wollen. Vorausgesetzt, es sind keine Frauen. Einen Preis kann Padre Paco nicht nennen. Man gibt, was man kann oder für angemessen hält. Zum spirituellen Modell der Zisterzienser zählen nicht nur Beten, Arbeiten und Bibellesen; auch die Bewirtung von Gästen gehört dazu. Sie sollen aufgenommen werden wie Christus.

Mein Zimmer ist von einer Schlichtheit, die sofort befreiend wirkt. Bett, Tisch, Stuhl, Schrank. Ein Ölgemälde gibt es auch, es zeigt die Muttergottes mit dem Jesuskind. Der Heiland sieht darauf aus wie der junge Bob Dylan . Auf der Decke, die man selbst beziehen muss, liegt die Tagesordnung. Viele Punkte klingen rätselhaft. Vigilien um kurz nach fünf; dann Laudes, Konventamt, Mittagshore, Vesper, Lesung, Komplet. Zwischendurch wird gegessen, studiert und gearbeitet. Ich lasse mich auf die Matratze fallen. Das soll ein Refugium vor der Leistungshetze sein?

Die Bücher, die ich mitgebracht habe, verschärfen den Zweifel. Denn sie berichten, dass die Zisterzienser nicht zuletzt wegen ihrer Lebensführung zu Vorreitern des Kapitalismus wurden. Die Männer mit den schwarz-weißen Habits spalteten sich 1098 von einem burgundischen Benediktinerstift ab, weil ihnen dessen Gebaren zu lasch geworden war. Die Zisterzienser gelobten, nur von der eigenen Hände Arbeit zu leben, und so wurde der neue Orden bald auf der ganzen Linie erfolgreich. Die Mönche bauten die besten Pflüge, wurden berühmte Weinbauern und Fischzüchter, erfanden Techniken für Wind- und Wassermühlen. Ein halbes Jahrhundert später gab es bereits 300 Zisterzienserklöster in ganz Europa . Ihrer Tüchtigkeit wegen rief der Graf von Barcelona zu jener Zeit auch französische Zisterzienser nach Poblet. Das Kloster hatte er 1150 zum Dank für die Rückeroberung der Region von den Muslimen gegründet.

“Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern.”

Als am ersten Morgen um halb fünf der Wecker schrillt, bin ich sicher, dass mein Aufenthalt doch kostet. Ich bezahle ihn mit Leiden. Der heilige Benedikt würde mir widersprechen. “Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern”, heißt es in seinen Regeln, auf die sich jeder Handstreich im Kloster bezieht. Also ab in die Kirche.

Mit mir huschen Mönche wie Gespenster durch den Kreuzgang zu den Vigilien. Ihre schneeweißen Kapuzen stechen in die bitterkalte Nacht. Glockengebimmel durchzittert die Luft. Fünf, sechs weitere Gäste sind auch zu sehen, schlaftrunken und mit wirren Frisuren.

Wir betreten den Säulenwald der Kirche und verneigen uns tief vor dem Altar. Er ist ein gewaltiger Steinblock mit fein gemeißelten Ornamenten und Nischen, in denen die Muttergottes und ein Dutzend Heilige stehen. Links und rechts davor verteilen wir uns im Chorgestühl. Nur drei Kerzen flackern.

Räuspern. Atmen. Stillsein. Und dann der gregorianische Gesang der Mönche. Gleich mit den ersten, kristallklar wogenden Tönen ist es, als trügen mich die Stimmen zur Decke hinauf. Der Gesang wirkt wie ein mysteriöses Medikament. Ich schließe die Augen und lausche mit offenem Mund. Wenn es einen Schlupfwinkel des Übernatürlichen gibt im prosaischen Europa – hier muss er sein.

Der von Müdigkeit durchwirkte Dreiklang aus Vigilien, gebetsmurmelnden Laudes und einer Messe voller Weihrauch noch vor dem Frühstück webt einen meditativen Schleier. Er zerreißt den ganzen Tag nicht mehr. Und das ist gut so. Denn Aufregendes geschieht hier nicht. Man kann lesen, die Gedanken streunen lassen und durchs Kloster spazieren. Die Erinnerung an die vielen verrammelten Kirchentüren, vor denen ich in meinem Leben stand, macht das Herumstromern in Poblet noch schöner. Hier darf ich überallhin. In den Wärmesaal voller alter Möbel und schmiedeeiserner Lampen unter gotischen Gewölben. In die frühere Küche mit ihren Töpfen und Feuerstellen. In den ehemaligen Schlafsaal der Mönche, der von theologischen, philosophischen und naturwissenschaftlichen Büchern überquillt. Oder in die Abteikirche, wo die marmorglänzenden Sarkophage von Königen und Grafen, Prinzen und Infanten thronen – die Herrscher Aragóns und Kataloniens wählten Poblet zu ihrem Pantheon. Heute ist es das größte Königskloster Spaniens.

Als ich eintraf, brauste das Hirn noch hochtourig im Leerlauf. Nach der zweiten Nacht ist auch mein Kopf angekommen. Zwischen den Gebetsterminen sitze ich herum und lasse Zeit vergehen. Ich inhaliere den Duft alten Gesteins. Betrachte Fresken und romanische Kapitelle von eleganter Zurückhaltung. Träume und grüble. Tatkraft und Effizienz sind egal; was zählt, ist die Schönheit einer uralten Gegenwart.

Hatte ich wirklich Angst vor dem Schweigen? Kaum zu glauben. Die Zunge liegt ruhig und zufrieden im Mund. Aber ich treffe ohnehin kaum jemanden. Nach den liturgischen Feiern fliehen die 32 Mönche zum Studieren in ihre Zellen, als sei eine Evakuierungsübung in Gang. Oder sie eilen zur Arbeit. Gewerkelt wird in der Küche, der Bibliothek, der Verwaltung, den Gärten. Sie liegen zwischen verpachteten Weinstockfeldern, in denen die Trauben für Cava gedeihen. Hin und wieder biegt auch ein Mönch mit Eimer und Wischmopp um die Ecke. In Poblet dient das zisterziensische Erlösungsmittel Arbeit nur noch dazu, das Kloster zu erhalten.

Mönchische Stille und Disziplin verleihen Ernst und Würde

Die Liturgien darf man schwänzen. Wer aber die Mahlzeiten im Refektorium verpasst, geht leer aus. Staubflirrende Lichtstrahlen durchbohren den kathedralenhohen Saal mit einem Brunnen in der Mitte und Bänken und Holztischen längs der Wände. Der Abt tafelt allein auf einer kleinen Empore an der Stirnseite und schaut wachsam wie ein alter Vogel. Tadelt sein Blick etwa meinen Weinkonsum? Die Flasche erinnert an ein Apothekengefäß und besitzt einen Dosiereinsatz. Bis sich mein Steingutbecher füllt, dauert es quälend lange. Auch im Refektorium wird geschwiegen. Nur der Mönch auf der Kanzel hält nicht den Mund. Mit der bebenden Stimme eines beichtenden Mädchens rezitiert er theologische Sekundärliteratur. Sogar die Quellenangaben trägt er vor.

Das Essen ist schlicht und gut und wirkt auf den übergroßen Tellern wie eine Demonstration von Gottesgaben. Siehe, eine Kartoffel. Siehe, eine Tomate. Siehe, ein Fisch. Die anderen Gäste sind auch da. Es sind ältere Männer in Cordhosen, die Tennissocken zu klobigen Schuhen tragen. Ihre Kiefer mahlen stoisch, ihre Lider sind halb geschlossen. Meine Mitbrüder auf Zeit sehen aus wie Philosophen, die sich als Arbeiter verdingen.

Wie gut Menschen das Schweigen steht, fällt mir jetzt erst auf. Am liebsten würde ich alle umarmen. Die Mönche, die Touristen und den dürren Typ mit Pferdeschwanz, der im Abseits sitzt und keinen Wein bekommt. Der sei ein Drogenabhängiger, erklärt mir Padre Paco später. Ist das der wahre Grund für das Schweigegebot? Dass man so von allen nur das Beste hält?

Der Verzicht aufs Reden erleichtere das Zusammenleben tatsächlich ein bisschen, erzählt Prior Lluc mir gegen Ende meines Aufenthalts und lächelt. Ich treffe den kleinen Mann mit den sanften Augen und einer Promotion in Quantenphysik im rittersaalhaften Sprechzimmer, wo die Mönche Besucher empfangen. Das Schweigen, erklärt Prior Lluc, diene jedoch allein dazu, Gott schauen und hören zu können. Die Stille und die Konzentration auf den immer gleichen Rhythmus der Tagesgebete öffneten das Herz für die Liebe zu Christus. Was er sagt, klingt schön. Doch der tiefere Sinn seiner Worte liegt in einem Nebel, den zu durchdringen einem Agnostiker wie mir nicht gelingen will. Prior Lluc scheint es zu ahnen. Wieder lächelt er scheu und bricht auf zur Vesper.

Dass aber mönchische Stille und Disziplin dem Leben Ernst und Würde verleihen, ist offenbar. Spätestens nach vier Tagen merke ich, wie das Routinekorsett meine Gedanken weiter ausschwingen lässt. Wie es mich von den taktischen Wahrheiten des Alltags weglenkt und zum Wesen der Dinge führt. Es sind Momente von distanzloser Klarheit.

An meinem letzten Abend spaziere ich im seelenruhigen Rhythmus eines Schlafwandlers über den Gang auf dem inneren Mauerring. Er ist das Einzige jenseits des Zellentrakts, was man nach den Abendgebeten der Komplet noch betreten darf. Ich starre ins Sternengefunkel und denke an einen bekannten Witz. Ein Mann sucht einen Schlüssel im Laternenschein. Ein zweiter hilft ihm eine Zeit lang und fragt dann, ob er den Schlüssel auch wirklich hier verloren habe. Nein, entgegnet der erste, verloren habe er ihn woanders. Aber hier sei besseres Licht. So kommt mir nun der Mensch dort draußen vor, wo in der Ferne die Windräder blinken. Er sucht sein Glück im Hellen. Doch zu finden gibt es da nichts. Der Schlüssel liegt im Dunkeln. Vielleicht ja in der Morgenschwärze der Vigilien von Poblet.