Statt einer Fischerhütte - Textbüro Hanisch | Texter Köln | Autor und Journalist
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Statt einer Fischerhütte

DIE ZEIT, Nr. 42/2015

Statt einer Fischerhütte

 

Als 14-Jährige musste Zita Cobb Fogo Island verlassen, weil ihre Eltern vom Kabeljaufang nicht mehr leben konnten. 30 Jahre später kam sie wieder, um die Insel neu zu beleben – mithilfe eines gemeinnützigen Luxushotels

Es klang nass und dumpf, und es bedeutete das Ende. Zita Cobb wusste es gleich. Das Geräusch ertönte, als ihr Vater vor 40 Jahren von der Arbeit nach Hause kam und den einzigen Fisch auf den Boden schleuderte, den er an diesem Tag gefangen hatte. Wochen später stand die Familie vor ihrem Haus und sah dem Vater dabei zu, wie er den Eingang vernagelte. Acht Generationen lang waren die Cobbs Fischer auf Fogo Island gewesen, am 10. Juli 1975 verließen sie die Insel im Nordosten Neufundlands, um in der kanadischen Provinz Ontario neu anzufangen. Die Fabrikschiffe, die Jahre zuvor aufgetaucht waren und die Kabeljaubestände leer räumten, ließen der Familie keine Wahl. Jeder Nagel, der damals im Türrahmen einschlug, schien Zita Cobb zu sagen, dass sie nie mehr zurückkehren sollte. Doch das Gefühl trog. Und zwar gründlich.

Fogo Island ist kein Ort, an dem man mal eben vorbeischaut. Eine knappe Tagesreise von Neufundlands Hauptstadt St. John’s entfernt, liegt die Insel selbst für dortige Verhältnisse weit ab vom Schuss. Nur ein halbes Dutzend Autos rollt mit mir in Fogo von der Fähre. Die finale Etappe meiner Anreise führt durch eine Hexenlandschaft aus Tümpeln und Mooren und endet an der Nordküste, wo nur noch kahle Felsenhügel aus dem Gestrüpp ragen wie Schädelstätten der Natur. Hier nehme ich die letzte Kurve vor dem Fischerdorf Joe Batt’s Arm – und erschrocken den Fuß vom Gas: Auf einer Anhöhe thront plötzlich ein kühnes Gebäude aus schneeweißen Quadern, das hier nicht hinzugehören scheint. Es wirkt so fremd, als habe ein Weltenbaumeister es hier am Küstensaum nur kurz abgestellt, um es später in eine größere Stadt zu montieren. Es ist Zita Cobbs Luxushotel Fogo Island Inn.

Am Fuß des Hügels gebe ich dem Hotelparkplatzwächter die Wagenschlüssel, spaziere hinauf und muss meinen ersten Eindruck korrigieren: Der Bau passt wunderbar in die nackte Landschaft. Seine scharfen Konturen erinnern an die Eisberge, die hier im Frühsommer vorbeitreiben. Und sein insektengleiches Schweben auf langen Stelzen ist eine Hommage an die Pfahlbauweise der bunten Inselhäuser.

Wer eintritt, staunt erneut: Anstatt monochromer Coolness erwartet den Gast eine Alice im Wunderland-Welt. In der Lounge siedeln grüne, rote und graue Sessel wie weiche, freundliche Tiere. Neben einem Kamin liegen Holzscheite. Vor Panoramafenstern stehen Schaukelstühle und puddingrosa Chaiselongues, die so versponnen wie elegant wirken. Ein Messingfernrohr zielt auf den Nordatlantik. Beim Einchecken starre ich lange auf die verschiedenartigen Zimmerschlüssel. An jedem hängt eine andere kleine Metallskulptur. Eine Hummerschere, ein Anglerknoten, eine Patronenhülse. Alle Objekte sind so schön, dass man sie sofort als Glücksbringer in die Hosentasche stecken möchte.

“Das sind Fundstücke von Fogo Island, die wir in Bronze gegossen haben”, erklärt eine schlaksige Mittfünfzigerin, die plötzlich neben mir steht. Es ist Zita Cobb. Ihr Kurzhaarschnitt wirkt schelmisch, ihr Lächeln gleichermaßen fürsorglich und verschmitzt. Doch als sie mir die Hand gibt, spüre ich etwas Prüfendes in ihren großen blauen Augen. Der sondierende Blick währt nur eine Sekunde. Aber er ist so intensiv, dass ich Mühe habe, ihm standzuhalten.

Ob er mit Zita Cobbs Geschichte zu tun hat? Gut möglich. In ihrem Leben war Scharfblick wichtig. Nachdem sie Fogo Island als 16-Jährige verlassen hatte, studierte sie Wirtschaft, machte in der Glasfaseroptikindustrie ein Vermögen und ließ sich 2001, mit Anfang 40, Aktienoptionen im Wert von 61 Millionen Dollar auszahlen. Dann segelte sie um die Welt, bis sie ein Brief erreichte, in dem sich ein Stadtrat über den Zustand ihres Elternhauses auf Fogo Island beschwerte. Sie war beschämt und kümmerte sich. Aber beim Herrichten des Familienerbes ließ sie es nicht bewenden. Sie kehrte zurück, um die ganze Insel zu retten.

Ein Geschenk an die elf Inseldörfer

Deren Exodus hatte seinen Höhepunkt erreicht, nachdem der Kabeljau 1992 auf die rote Liste der bedrohten Arten gekommen und sein Fang verboten worden war. Von den einst 6.000 Nachfahren englischer und irischer Fischer blieb nur etwa ein Drittel auf der Insel. Nun kämpft Zita Cobb mit ihrer Shorefast Foundation seit acht Jahren gegen den weiteren Aderlass an. Unter anderem vergibt die Stiftung Kleinkredite an Existenzgründer, hält die Kunst des traditionellen Bootsbaus am Leben und fördert die nachhaltige Fischerei. Das ökonomische Herz der Stiftung aber ist das Fogo Island Inn.

“Es war wie bei einem Pullover, der einen losen Faden hat. Wenn du einmal zu ziehen anfängst, musst du immer weitermachen”, sagt Cobb. So führte der Bau neuer Fischerkähne zur Idee eines inzwischen beliebten Bootsrennens, das wiederum mehr Touristen anzog, die nach neuen Lokalen verlangten, die ihrerseits Zulieferer brauchten. An diesen Eins-gibt-das-andere-Effekt fühlt man sich im Hotel erinnert, wo die Räume fließend ineinander übergehen – die Lobby und die Lounge, die naturholzhelle Bar, die mintgrüne Bibliothek und die Galerie, die gerade Fotocollagen und Plastiken des deutschen Künstlers Edgar Leciejewski zeigt. Im Leseraum nebenan sitzen zwei Männer mit zerschrammten Kappen und stimmen ihre Gitarren. Musizierende Gäste? Die Hotelgründerin schüttelt den Kopf. “Einheimische, die gleich in der Lounge einen Auftritt haben. Aber auch alle anderen Inselbewohner können sich hier frei bewegen. An der Bar etwas trinken, sich zum Lesen in die Bibliothek setzen oder gratis unser Kino besuchen. Letztlich existiert das alles ja nur ihretwegen.”

Es ist tatsächlich so: Das Hotel, als Touristenmagnet gedacht, muss man als Zita Cobbs Geschenk an die elf Inseldörfer verstehen. Der Gewinn wird komplett in soziale Projekte investiert. Bereits drei Jahre nach der Eröffnung soll es im kommenden Frühling aus den roten Zahlen sein. Ein öffentliches Schwimmbad ist schon in Planung.

Der gemeinnützige Geist des Hauses ist allerorten zu spüren. Trotz der mondänen Hülle befindet man sich hier nicht in einem dieser geölten Verwöhnungsapparate des hochpreisigen Hotelwesens. Vielmehr fühle ich mich bald als Teil von Joe Batt’s Arm mit seinen Holzhäusern und Bootsstegen, gestapelten Hummerreusen und Fischfilets, die an Leinen zum Trocknen hängen. Man klopft Schultern, reißt Witze, und wer nicht aufpasst, verplaudert den halben Tag. Dass die meisten der 80 Hotelangestellten von der Insel stammen und Rückkehrer sind, spielt dabei eine große Rolle. Auch die Rezeptionschefin Amanda gehört dazu, die nach Alberta ausgewandert war und dort als Krankenschwester arbeitete. “Erst habe ich mir den Job hier nicht zugetraut”, sagt sie und zwinkert mit den Augen. “Aber eigentlich ist er fast wie mein vorheriger. Menschen sind Menschen. Nur dass sie jetzt Klamotten anhaben.”

Hier arbeiten Künstler aus der ganzen Welt

Das Interieur hat einen ähnlich leutseligen Charme. Und der ist kein Zufall: Zita Cobb ließ 25 Designer aus aller Welt zum Austausch mit örtlichen Handwerkern einfliegen. Die dabei entstandenen Kreationen wurden anschließend in einer Werkstatt neben dem Hotel gefertigt. Sie machen auch mein Zimmer zu einem Raum, in dem sich ein Kinderglaube an das Gute zu manifestieren scheint. Etwa im fliederlila Schaukelstuhl der Niederländerin Ineke Hans, der aussieht wie der Thron für einen Elfenkönig; in der horizontblauen Tapete mit dem Muster grasender Karibus; oder im berückend schlichten, nach Art der Fischerboote gebogenen Holzstuhl in Preiselbeerrot. Wer ihn sieht, will ihn haben. Und darauf wird durchaus spekuliert: Alle Möbel stehen zum Verkauf. Ob man zuschlagen soll? Aber nein. Der Preis des “Punt Chair” liegt deutlich über 3.000 Euro.

Egal. Ich muss ja nur den Kopf heben, und der Stuhl ist vergessen. Dann rückt nämlich der Ozean in den Blick, auf den das Bett ausgerichtet ist wie eine Kirchenbank auf den Altar. Gut, dass die Fenster vom Boden bis zur Decke reichen. Am Morgen schnappe ich mir den Kaffee und die Muffins, die vor der Tür warten, und merke, dass die Show schon begonnen hat. Storm Watching ist angesagt. Darum gibt es hier auch ein Fernglas und keinen Fernseher. Immer deutlicher wird die Dramaturgie: Die schwarzgrünen Wellenmonster wollen nicht akzeptieren, dass sie den ganzen Weg von Grönland gekommen sind, um hier zu scheitern. Alles kurz und klein zu schlagen ist ihr sehnlichster Wunsch. Das Haus stöhnt, sogar der Boden vibriert. Halten die Stelzen? Eine Wellendetonation folgt auf die nächste und malt zwanzig Meter hohe Gischtwolken in die Luft. Stundenlang sitze ich steil in den Kissen: Mein Bett ist zum Logenplatz eines Titanenkampfes geworden.

Anderntags ist der Himmel ein blau-weiß getupftes Schachbrett, und man erkennt die Inselchen von Little Fogo gegenüber. Das richtige Wetter, um ihnen und den Papageientauchern einen Besuch abzustatten, die dort zu Tausenden leben. Amandas Cousin Mike fährt mich hin. Auch er ist wegen Zita Cobb nach Hause gekommen und bietet jetzt Bootstouren an. Auf dem Rückweg passieren wir ein avantgardistisches Gebäude, das wie ein riesiges Brikett im subarktischen Feenland steht. Es ist das Long-Studio, eins von vier Ateliers der Shorefast Foundation. Auf Einladung arbeiten hier Künstler aus der ganzen Welt. Durch seinen minimalistisch-kantigen Stil wirkt jedes der Ateliers wie ein Ausrufezeichen in der Landschaft. Und ist doch gleichzeitig eine Verbeugung vor ihr.

Am letzten Abend sitzen Zita Cobb und ich in der Glaskanzel des Speisesaals bei Stockfischtortellini und einem neufundländischen Curry, das der tätowierte Koch aus Rauken komponiert, die er vis à vis von den Felsen klaubt. Fogo first ist auch hier die Devise. Um uns herum sitzen Frauen von feierlicher Intellektualität und Männer mit den passenden Hornbrillen. Der US-Botschafter von Kanada kommt zum Small Talk am Tisch vorbei. Wieder wirkt Zita Cobb fast gespenstisch wach, als sie über eins ihrer Lieblingsthemen spricht: die Kunst. Warum ist sie ihr so wichtig? “Weil sie neues Denken provoziert. Ländliche Kultur verfällt oder wird zur Folklore, und wir nehmen es schulterzuckend hin. Es muss etwas Radikales geschehen, um uns wachzurütteln. Künstler helfen dabei, und nicht nur mit ihren Werken. Auch dadurch, dass sie in den Dörfern leben und viel mit den Einwohnern sprechen. So schärfen sie unseren Blick für die Möglichkeiten von Fogo Island im 21. Jahrhundert.”

Kurz muss ich an Zita Cobbs Eltern denken, die weder lesen noch schreiben konnten. In diesem Moment streicht sich die Tochter über der Stirn einen störrischen Wirbel platt und wirkt dabei fast wie das Mädchen von damals. Als könne sie Gedanken lesen, sagt sie: “Eigentlich tue ich das alles für meine verstorbenen Eltern. Ich will nicht, dass ihre Heimat verwaist und bedeutungslos wird.” Dann nehmen wir an der Bar einen Whisky mit Würfeln eines viele Jahrtausende alten Eisbergs, den der Labradorstrom kürzlich vorbeibrachte. Und stoßen auf ihre Eltern an.