Tanz unterm Riesenrad - Textbüro Hanisch | Texter Köln | Autor und Journalist
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Tanz unterm Riesenrad

DIE ZEIT, Nr. 8/2013

Tanz unterm Riesenrad

 

Die Leopoldstadt soll das Soho Wiens sein? Erkundungen zwischen Lackbikini, Pratersauna und Wochenmarkt.

Was ist schön? Was hässlich? Was ist Kitsch? Im Wurstelprater verwischen die Grenzen, wenn sich das Bleilicht der Dämmerung über den Vergnügungspark legt. Schnee polstert die Wege, die Großstadt ist nur ein fernes Murmeln. Alles, was man hört, ist das Knirschen der eigenen Schritte. Immer tiefer führen sie hinein in eine wunderliche, melancholiegetränkte Welt. All die erstarrten Grottenbahnen, Karusselltentakel und Katapultiermaschinen wirken im Schein der Laternen wie ein architektonischer Hexensabbat.

Die einzige Sensation, die sich auch im Winter bis in den späten Abend bewegt, ist das Riesenrad. Man steht in der Gondel, hört den Wind johlen und staunt über die Eleganz des Speichengewirrs, an dem die roten Kabinen hängen wie Beeren am Strauch. Im Norden ragt der bleistiftdünne DC Tower der neuen Donau City empor, im Südwesten erkennt man krümelklein die Kuppeln und Türme des Ersten Bezirks. Daneben, nur durch den Donaukanal vom Zentrum getrennt, liegt der westliche Anfang der Leopoldstadt, deren Ausläufer bis hierher zum Prater reichen.

Der Zweite Bezirk, wie die einstige Vorstadt auch heißt, war Verbannungsort der Juden. Lange galt er als verrucht. Nun steht er im Ruf, das Soho von Wien zu werden, mit schrägen Cafés und Bars, mit Kunst und ganz viel Gründergeist. Die coolsten Clubs der Stadt sollen beim Riesenrad um die Ecke liegen. Da will man doch hin!

“Democracy” verheißt die Leuchtschrift auf einem Gebäude, das zwischen dem Rummelplatz und dem Glasverhau des Pratersternbahnhofs steht. Der Club sieht aus wie ein Haufen durcheinandergestürzter Betonwürfel und nennt sich Fluc. Sein Haupttrakt liegt in einer ehemaligen Fußgängerunterführung, in die man hinabsteigt wie in eine Unterwelt. Bässe donnern, Stroboskope zerhacken das Dunkel. Im oberirdischen Teil beginnt gerade eine Gothic-Party. Zwischen androgynen Höllenfürsten und Rüschenmädchen entfaltet ein Conférencier im goldenen Gustav-Klimt-Kaftan seine Hände zu theatralischen Begrüßungsgesten. Dann sagt er eine Tänzerin an. Sie erscheint in einer Burka und steht am Ende ihrer Show im schwarzen Lackbikini auf der Bühne. Dazu laufen von Elektrobeat gehetzte Opern, die jeder lauthals mitsingt. Ist das schon der neue Pratersound?

Auf dem Weg zum nächsten Club östlich des Pratersterns klappt man unwillkürlich den Mantelkragen hoch und wimmelt die Offerten hochhackiger Damen ab. Dann steht man vor der Pratersauna, einem Flachbau aus den fünfziger Jahren mit bröckeliger Fliesenfassade. Im Garten leuchtet gletscherblau ein verwaister Pool. Drinnen fummeln DJs auf mehreren Floors emsig an ihren Plattenspielern herum und entlocken ihnen zuckende Rhythmen. Zwischen den Tauchbecken von einst mischen sich Minimal Art und Lichtkunst mit alten Kacheln. Und das krakelige Design der Toiletten sieht aus, als habe man Robert Crumb und Keith Haring Filzstifte in die Hand gedrückt.

Es ist erst ein Uhr nachts, aber ein paar Gäste tanzen schon ohne T-Shirt. Man könnte meinen, sie huldigten der Zeit, als die Pratersauna noch eine berüchtigte Schwitzanstalt war. Vom Zuhälter bis zum Herrn Direktor soll sich hier tout Wien getroffen haben. Dass zwischenzeitlich auch die Russenmafia hier Kaviar vertickte, ist ein Gerücht, dem die jungen Betreiber nicht widersprechen.

Stefan Hiess und Hennes Weiss lehnen an einer Bar und erzählen, dass sie bald die ganzen 3000 Quadratmeter bespielen wollen. Noch mehr Kunst soll in die Sauna. “Der Club ist ein Vehikel, um Projekte in unserem Art-Space zu fördern”, sagt Weiss, der eine Basecap mit Mickymaus-Aufdruck trägt. Irgendwann wollen sie so etwas wie ein zweites Museumsquartier sein, eine urbane Mischung aus Kunsthallen, Clubs, Galerien und Büros für junge Kreative. Nur eben lässiger als das Vorbild in der Inneren Stadt. Aber es droht Gefahr. Dort, wo heute Prostituierte auf dem Straßenstrich frieren, eröffnet im nächsten Wintersemester der größte Wirtschaftscampus Europas mit mehr als 20.000 Studenten. “Klar, das ist nicht schlecht. Aber für einen Underground-Club auch gefährlich”, sagt Weiss’ Kompagnon Hiess. “Eine Kunstakademie wäre uns lieber gewesen.” Nicht dass es hier zu geleckt wird.

Es ist eine Angst, die man nicht so recht nachvollziehen kann, wenn man am nächsten Tag durch die Gassen der Leopoldstadt schlendert. Man passiert einen Trödelladen, der arthritische Stühle feilbietet, auf denen Teddybären sitzen. Eine Buchhandlung, die Thomas-Bernhard-Zitate auf Wellpappe geklebt und daraus ein Mobile gebastelt hat. Fußkosmetikstudios, den Pensionistenverein der SPÖ. Und immer wieder Entkleidungslokale mit verstaubten Sektflaschen in den Auslagen. Öffnete sich nicht manchmal die Perspektive auf das Riesenrad, man glaubte sich in irgendeiner österreichischen Kleinstadt.

Auf dem Karmelitermarkt präsentiert sich die Leopoldstadt dann doch ziemlich fesch. Zwischen den historischen Marktständen feiert das neue Bürgertum am Samstagvormittag seinen guten Geschmack. Junge Familien, er im Dufflecoat, sie mit Uggboots, schieben sich die Buggys in die Hacken. Man kauft Grammelschmalz beim Weinviertelbauern und Zitronengras beim Vietnamesen und snackt georgische Antipasti im Madiani, das in einem der Markthäuschen residiert. Doch wenn die Händler gegen Mittag scheppernd zusammenräumen, erlischt das Leben so plötzlich, dass man unwillkürlich an einen Zapfenstreich denkt.

Dem Zweiten Bezirk selbst ist es egal, ob er das neue Soho ist oder nicht

Wo sind denn jetzt alle? Die Szene spielt Verstecken. Die grellweiß leuchtende Galerie im Hochparterre entpuppt sich als Pizzeria, der onyxschwarz getünchte Fetischladen als japanisches Restaurant. Und in manchem einstigen Ludentreff nistet die Boheme. Zum Beispiel im vollgequalmten a bar shabu, wo man sich an winzigen Tischen dem hingibt, was der Leopoldstädter Alfred Polgar “die holde Wurschtigkeit des Augenblicks” nannte. Hingen nicht aus buntem Draht gezwirbelte Hirschköpfe über der Theke, es sähe noch so aus wie zu Zeiten der “Wilden Wanda”. Die einzige Zuhälterin Wiens hielt hier Hof, als die Bar noch Café Kärnten hieß.

Wenn es um Wiens junge Kreativszene geht, landet man früher oder später bei Amer Abbas. Der gebürtige Iraker hat in den neunziger Jahren Künstler wie Heimo Zobernig entdeckt und mit seiner ersten Bar Futuregarden im Sechsten Bezirk den trashigen Schick nach Wien gebracht. Unlängst eröffnete er in einem kaisergelben Gründerzeitkasten in der Zirkusgasse die New Bar.

Wer sie betritt, meint in einem Rohbau zu stehen: Die Wände sind kaum verputzt, von der Decke baumeln Glühbirnen. Auf den Barhockern sitzen ein paar schweigende Männer. Über ihre Gesichter ziehen die lila Lichtpunkte einer Discokugel. Abbas wiegt seinen Kopf im Takt psychedelischer Akkordeonmusik. Ein silberheller Dreitagebart legt sich wie ein Schleier auf seine scharf geschnittenen Züge. “Alle haben Lust auf etwas Neues”, sagt der Kunstdozent. Aber viele seien unsicher, ob es hier nicht noch immer “ein bisschen zu halbseiden ist”.

Dem Zweiten Bezirk selbst ist es vermutlich egal, ob er das neue Soho ist oder nicht, denkt man, zurück auf der Straße. Orthodoxe Juden mit Schläfenlocken und storchennestgroßen Pelzmützen eilen vorbei. Natürlich, man ist auf der Mazzesinsel, wie die Wiener die Leopoldstadt nannten. 50.000 Juden lebten hier, bis sie von den Nazis deportiert und ermordet wurden. Heute ziehen viele aus Osteuropa zu, weiß Malkov Rafael Chai, dem in der Tempelgasse ein koscherer Laden gehört. Etwa 10.000 sollen wieder im Bezirk leben, zwischen Bohemiens, stolzen Eltern und den Pratersauna-Hipstern. Hier mischt sich alles. Und es verdrängt sich nichts.

Einer der Architekten, die mit ihren Ateliers in die Rotensterngasse gezogen sind, hat dafür eine einfache Erklärung: die vielen Gemeindebauten mit ihren niedrigen Mieten. Natürlich gebe es Gentrifizierung, sagt er. “Aber sie ist unendlich viel langsamer als anderswo.”

Wie langsam, lässt sich wunderbar im Café Sperlhof erleben. Man betritt es wie ein vergilbtes Fotoalbum aus den siebziger Jahren: rote Kunstlederbänke, Dreiviertelvertäfelung, ein grün glimmendes Aquarium. Ein Dutzend mannshoher Türme aus Spielekartons ragt in den Raum des früheren jüdischen Künstlertreffs. Jungs in Skaterklamotten erklären sich die Regeln, serbische Teenager betteln darum, ein letztes Mal anschreiben lassen zu dürfen, Arbeiter sehen den Schaumkronen ihrer Biere beim Zerknistern zu.

Seit 28 Jahren führt ein altmodisch krawattierter Mann mit pergamentbleichem Gesicht das Café Sperlhof. Jeder in der Gegend kennt ihn als den “Herrn Sommer”. Er ist Kult. Aber ohne es zu wissen. Was er vom Aufstieg des Zweiten Bezirks hält? Herr Sommer lächelt leise, als habe ihm ein Kind eine lustige Frage gestellt. “Der Zweite wird modern?”, fragt er zurück. “Naa, das ist mir neu. Aber schaun S’: Ich bin ja immer hier herinnen. Da merkt man eh nichts.”