Wo Mexiko den Bogen raushat
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Wo Mexiko den Bogen raushat

CONDÉ NAST TRAVELER, 2025

Wo Mexiko den Bogen raushat

Früher nur ein Hotspot für Touristen aus den USA, hat jetzt die ganze Welt Los Cabos für sich entdeckt. Ein Streifzug über die Halbinsel – entlang ihrer Küsten und durchs Hinterland.

Macht einen die Verwöhnung jetzt schon träge? Das Grübeln nimmt kein Ende. Was hat dieser schamanenhafte Ton zu bedeuten, der immer wieder durch die Poollandschaft blökt? Woher rühren diese haushohen Fontänen im Meer? Und warum tritt beides fast zeitgleich auf? Die Antworten kommen mit dem Tequila Soda. „Die Saison hat begonnen“, erklärt der Kellner dem neuen Gast und zeigt auf einen Mitarbeiter im angrenzenden Palmenhain, der in eine große Muschel bläst. „Jedes Mal, wenn Wale vor der Küste auftauchen, weisen wir so darauf hin. Aber im Januar lassen wir das wieder sein. Es käme sonst keiner mehr zur Ruhe. Dann schwimmen hier mehr Wale als Goldfische in einem Teich.“

Zu erleben ist das Schauspiel im One and Only Palmilla, und man muss sich dafür noch nicht einmal vom Liegestuhl erheben. Das Resort gehört zu den ältesten und nach wie vor ersten Adressen der Region Los Cabos. Es liegt ganz im Süden des mexikanischen Bundesstaates Baja California Sur, dem unteren Teil der Halbinsel von Niederkalifornien. Ab Tijuana bohrt sie sich knapp 1300 Kilometer tief in den Pazifik und schneidet ihn so vom Golf von Kalifornien ab. Jeden Winter ziehen rund 15000 Grau- und Buckelwale aus Alaska am Palmilla vorbei, um dann in der ruhigen Meeresbucht zu kalben und den Nachwuchs aufzuziehen.

Doch nicht nur die fühlen sich hier wohl. Los Cabos ist Mexikos angesagtestes Urlaubsziel: 32 Kilometer Küste, der Korridor zwischen den Städten San José del Cabo und Cabo San Lucas, an dem sich die Resorts aneinanderreihen. Mitte der Siebzigerjahre nahm die Sache Fahrt auf, und anders als bei den Bettenburgen von Cancún setzte man hier von Anfang an auf einen organisch wachsenden, gehobenen Tourismus. Heute haben rund zwei Dutzend der Häuser fünf Sterne und machen die Gegend zu einer Art Côte d’Azur à la mexicaine. Wenngleich mit 80 Prozent nordamerikanischen Gästen, die Los Cabos von Los Angeles aus so schnell erreichen, wie man von Düsseldorf nach Mallorca kommt. Seit einem Jahr gibt es in den Wintermonaten auch ab Deutschland Direktflüge. Innerhalb von 13 Stunden bringen sie Besucher in das berühmte Optimum zweier Welten: Einerseits bietet Los Cabos herrlich amerikanische Too-Muchness mit megalomanen Badezimmern und Weltklassegolfplätzen; andererseits wartet die Destination gleich hinter den Hoteltoren mit psychedelischen Wüstenlandschaften und lakonischer Cowboy-Lässigkeit auf.

Die Keimzelle des Tourismus war das One & Only Palmilla, das ein mexikanischer Präsidentensohn 1956 als erstes Resort baute. Anfangs nur per Wasserflugzeug oder Yacht zu erreichen, zog es bald die amerikanische High Society an. John Wayne, Elizabeth Taylor und Ernest Hemingway hießen die Gäste, US-Präsident Dwight D. Eisenhower flog zum Taubenschießen ein. Heute beziehen schon mal Oprah Winfrey, Tom Cruise oder George Clooney die Villen im Hacienda-Stil, denen es gelingt, die Kunst sublimen far nientes mit der trompetenden Buntheit Mexikos zusammenzubringen. Wenn man nicht auf Wale starrt, wandelt man unter Palmen, lässt sich in der plätschernden Wunderwelt des fast 7000 Quadratmeter großen Spas aufpäppeln, besucht einen italienischen Barbier wie aus einem Scorsese-Film oder geht in der Kapelle in sich. Sie stammt aus den Pioniertagen des Palmilla, als die nächste Seelentröstung noch weit schwerer zu erreichen war.

Heute sind es nach San José del Cabo nur ein paar Autominuten. Sie wirken wie ein Trip mit einer Zeitmaschine: Die Gemeindehauptstadt hat die friedliche Aura eines Oaxaca der Neunzigerjahre. Touristen und Einheimische flanieren im spiegeleigelben Licht des späten Nachmittags über den Hauptplatz wie füreinander gecastet, naschen Pflaumeneis, plaudern auf schmiedeeisernen Bänken. Dass hier mehr als jeder zweite Beschäftigte ein Glückssucher vom mexikanischen Festland ist und den Traum des Tellerwäschers vom Millionärsdasein träumt, lässt die gesellschaftlichen Kontinentalplatten augenscheinlich nicht auseinanderdriften.

Für Remmidemmi ist San Josés Schwesterstadt Cabo San Lucas zuständig. Hier schreit schriller Souvenirplunder die Passanten an, und Bars werben mit lebensgroßen Piratenpuppen um Gäste. Es gibt Nachtclubs und Bierhöllen für dreipromillige Abende. Rettung bietet seit 35 Jahren die kongresshallengroße Cabo Wabo Cantina von Ex-Van-Halen-Sänger Sammy Hagar. Hier covert die Hausband amtlichen Hardrock so verdammt gut, dass man sich mit der lauten Stadt am Ende doch noch versöhnt.

Die eigentliche Attraktion von Cabo San Lucas liegt sowieso woanders: vor seiner Marina im tiefen Nivea-Blau des Pazifiks. Los Arcos heißen die in Jahrmillionen geschliffenen Felswelten voller Bögen, Klüfte, Türme und Grate, die man per Segeltour aus der Nähe betrachten kann. Wer sich je vorzustellen vermochte, dass Gestein ein geheimes Leben führt – angesichts dieser kunstvoll geborstenen Formationen hält man das für das Natürlichste der Welt. Auf dem Weg zu ihnen gleiten wohlgenährte Pelikane wie pralle Sofakissen durch die Luft, wabern im Wasser Teufelsrochen auf der Suche nach Plankton. Zwischen Dezember und März kommt noch die Walvisite dazu. Wenn die Riesen sich dann neugierig aus dem Meer wuchten und ihre grinsenden Comic-Gesichter offenbaren, ist man sicher: Gott hat doch Humor. Viel rührender als diese Begegnung kann kaum etwas sein. Sie öffnet die Augen für die Weltenwunder jenseits des Offensichtlichen und macht Lust auf weitere Entdeckungen. Zu ihnen gehören auch solche des Geschmacksinns. Zum Beispiel dann, wenn man eine Reservierung für eins der vielen Spitzenrestaurants von Los Cabos hat.

Der Platzhirsch unter ihnen ist das mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete „Cocina de Autor“. Es befindet sich im Gran Velas Hotel, das mit seiner eleganten Wellenform dem Ozean huldigt. Sidney Schutte, ein Zwei-Sterne-Chef aus Amsterdam, und Francisco Sixtos aus Guadalajara servieren eine mexikanisch-asiatisch-europäische Fusionsküche, die man mit Blick auf einen Koi-Teich genießt. Vom Umberfisch als Sashimiröllchen samt blauer Gamba, Rocoto-Chili und Nixtamal-Maismehl über den mit Shiitake und Pekannuss gefüllten Dumpling in einer Mais-Velouté bis zur Chilate aus Zimt, Kakao und Mezcal, sind die kulinarischen Kleinkunstwerke großes Entertainment. Dazu passen die spannenden Cuvées aus dem Guadalupe-Tal im Norden der Halbinsel und die Hintergrundmusik fern bloßen Mood-Managements: Statt Piano-Gesäusel erklingt hier veritabler Progressive Rock.

Das lukullische Hochamt ist eine Art Meditation mit dem Gaumen, die vom Gast nichts anderes verlangt als sitzen, essen, trinken, staunen. Damit erinnert es an die Resorts im Ganzen. Auch sie sind ja in sich gekehrte, selbstgenügsame Universen. Sogar vom Meer wenden sie sich ab: Die glasgrünen, wie gewaltige Ohrfeigen an den Strand knallenden Wellen gehen mit einer Strömung einher, die das Schwimmen nur an einer Handvoll Stränden erlaubt. In manchen Häusern muss man deswegen unterschreiben, dass man sich von der zürnenden Gottheit des Pazifiks fernhält. Nur abends sitzen ein paar Gäste andächtig vor den kirchenfensterbunten Sonnenuntergängen im Sand. Alles touristische Spiegelfechterei also? Nein. Ein Trip mit dem Leihwagen ins Hinterland beweist das Gegenteil.

Die Fahrt nach Norden führt durch eine im heißen Licht zitternde, alttestamentarisch leere Landschaft. Sie wirkt, als sei sie aus einem gigantischen Fundus ausgeliehen, wo all die Requisiten versammelt sind, aus denen man sich die Vorstellung eines Wild-West-Mexikos zusammensetzt. Der von Geiern durchglittene Himmel trägt sein unwahrscheinlichstes Kobaltblau, die Wüstenberge sehen aus wie Klumpen von verbrannten Mandeln. Wilde Esel trotten neben der Straße, Kojoten fliehen aus dem Blickfeld, verbeulte Autowracks versanden mit filmreifer Melancholie. Hin und wieder sieht man ein angeleintes Pferd vor einem Krämerladen stehen und auf seinen Reiter warten.

Das beste Detail dieses Bühnenbilds will man dann aus der Nähe betrachten und rumpelt dafür in einen sandigen Seitenweg. Es handelt sich um einen der Kakteenwälder von Los Cabos: 110 Kaktusarten sind hier zu Hause, viele davon endemisch. Da ist zum Beispiel der mehr als 300 Jahre alt werdende Cardón, dessen zahllose Arme mit priesterlichem Gestus bis zu 20 Meter in die Höhe greifen – keine andere Art wird so groß. Da ist der in alle Richtungen mäandernde Pitaya, aus dessen Struwwelpetererscheinung später rotpinke Drachenfrüchte leuchten werden. Da ist die fette Kugel des Biznaga, die plump im Sand liegt, aber ein exzentrisches Stachelmuster trägt. Und da ist der stenocereus eruca, den man auch „kriechenden Teufel“ nennt: Während sein ursprünglicher Stock langsam abstirbt, wächst seine Triebspitze immer weiter und bildet neue Wurzeln. Auf diese Weise schleicht der Kaktus rund einen halben Meter pro Jahr über den Boden.

So viel Geduld hat Todos Santos nicht. Das Städtchen taucht eine Viertelstunde hinter den Campern und halbfertigen Betonwürfeln der Bucht von Los Cerritos auf und führt vor, dass man stilvoller boomen kann als das Surferdorado. In Todos Santos reihen sich Kolonialhäuser aneinander, schäumen Bougainvilleas über Mauern, machen schnörkelige Eisenlaternen auf Paris. Man spürt, dass der Ort Erfahrung hat mit Entwicklung und Wohlstand. Schon die Jesuiten, die ihn 1724 gründeten, nutzten das unterirdisch aus der Sierra de la Laguna herbeifließende Wasser zum Anbau von schlaraffenlandhaft vielen Obst- und Gemüsearten. Vor allem aber brachten Mitte des 19. Jahrhunderts acht Zuckermühlen Reichtum.

Das eleganteste Relikt dieser Zeit lässt sich bewohnen: Das unlängst renovierte Boutique Hotel Todos Santos hat sich in der Hacienda eines ehemaligen Zuckerrohrbarons eingenistet. Beim Betreten will einem einfallen, dass es Sanduhren gab, die mit Goldstaub gefüllt waren, um den Wert der verrinnenden Zeit sinnfällig werden zu lassen. Hier könnten sie stehen und daran erinnern, dass man sein Leben immer dann am besten nutzt, wenn man Schönheit empfindet. Messing und Marmor, Leder, Samt, Damast und bis ins kleinste Farbdetail arrangierte Kunst verströmen eine neokoloniale Noblesse, die einen zum Gefangenen machen kann. Man muss sich regelrecht zwingen, den von Vögeln bezwitscherten Patio oder eins der zauberischen Zimmer mit Mural und Baldachin zu verlassen.

Auf dem Weg durch die Gassen und Straßen wird bald offenbar, wer Todos Santos restlos verfallen ist: feingeistige Amerikaner, die sich hier in großer Zahl niederlassen und den Ort nach Kräften, aber mit viel Fingerspitzengefühl gentrifizieren. Etwa jeder zweite der 10000 Einwohner hat mittlerweile einen US-Pass. Und viel übrig für Kunst. Nirgendwo gibt es so viele Galerien.

Die von Michael Cope ist eine der ersten in Baja California Sur. Der Kalifornier mit der Attitüde eines verrückten Friseurs hat sie vor 31 Jahren gegründet. Gerade macht er wieder ein paar Gemälde für den Versand fertig. Sie zeigen jene ambivalenzfreien Motive für den amerikanischen Geschmack, die hier an jeder Ecke lauern: Reiter vor Kakteen, dekorative Totenschädel im Miró-Stil. Doch so überraschungsarm das Angebot auch ist – hin und wieder spürt man doch den Ruck an der Kunstangel. Zum Beispiel in der Galerie von Pablo Márquez. Er kam vor zehn Jahren aus Mexiko-Stadt hierher, um Wale zu fotografieren. „Das Licht hatte mich dann aber umgehauen, ich musste bleiben“, sagt er. Gerade zeigt Pablo eine neue Serie von psychedelisch anmutenden Sandfotos, die immer surrealer werden, je länger man sie betrachtet.

Dieses Gefühl stellt sich auch ein, wenn man Todos Santos in Richtung Osten verlässt und auf einer holprigen Piste die Sierra de la Laguna überquert. Der Blick trudelt in tiefe Täler, in denen man verschwinden und nie mehr gesehen werden kann. Und als das Ende der Welt erreicht zu sein scheint, tauchen Gebetsfahnen auf. Sie gehören zu einem buddhistischen Retreat, wo gerade ein Mann mit Mullah-Bart ein paar meditierende Gringos um sich versammelt hat. Die Arme hält er ausgebreitet wie ein Messias. Er heißt Jason Smith, ist „Self Mastery Coach“ und stammt aus Vancouver. Später schraubt er sich aus seinem Lotussitz und antwortet auf Fragen mit einer Stimme aus Licht und Honig. Seine Sätze mäandern, man nimmt sie entgegen wie quellende Blumensträuße. Dass sich ihr Sinn kaum erschließen will, spielt eigentlich keine Rolle.

Die Jünger Jasons haben ihre Zelte an der Ostküste der Baja California Sur aufgeschlagen. Die Umarmung gleich zweier Meere hat es ihnen angetan. „Das Wasser steht in Verbindung mit deinem zweiten Chakra“, sagen sie. In Fluss halten es die Selbstfinder in Wohnwagensiedlungen entlang des Mar de Cortéz, wie der Golf von Kalifornien zwischen der Halbinsel und dem Festland auch genannt wird – wildes Kampieren ist hier legal. Das türkise Leuchten des Nebenmeers wirkt viel freundlicher als der Tausende Meter tiefe Pazifik und ist so voller Wassertiere, dass Jacques Cousteau von einem Aquarium der Welt sprach.

Das Tauchermekka Cabo Pulmo südlich der Wohnwagenburg liegt mitten im Nichts und hat die Aura jener Orte, die nie über ihr provisorisches Stadium hinauskommen. Die Straßen sind aus Sand, die Besitzer der kleinen Bars und Pensionen tragen Tatoos und Dreadlocks, Wüstenleguane thronen in erstarrten Posen auf Holzveranden wie Spielzeugtiere. Konsequenter als hier kann man der Welt den Rücken nicht kehren. Erst recht dann nicht, wenn man beim Schnorcheln Bekanntschaft mit einer gänzlich anderen macht. Vor der Taucherbrille schweben dann bananengelbe Trompetenfische durchs Korallengewirr, wirbeln Stachelmakrelen als silbrig irrisierende Schwärme vorüber, sehen die regenbogenbunten Papageienfische aus, als seien sie auf dem Weg zu einem aquatischen Christopher Street Day.

Man kann sich aber auch einfach in den Sand setzen. Aufs Meer schauen. Und sich an den Atemfontänen der Wale ergötzen, die schon immer wussten, wie schön es hier ist. Ihre Spritzer schießen so rhythmisch aus dem Wasser, als hätten sie sich abgesprochen und böten eine Show. Ein Tequila Soda passt ganz vorzüglich dazu. Auf Muschelmusik wie im Palmilla muss man in Cabo Pulmo allerdings verzichten. Doch das lässt sich verschmerzen.