Ring frei!
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Ring frei!

MERIAN, 2018

Ring frei!

Boxen ist Volkssport in Kuba. Aber nur Männer dürfen für ihr Land in den Ring steigen. Zu gefährlich für Frauen, fand Fidel Castro. Die Boxerinnen kämpfen nicht nur gegen konservative Funktionäre, sondern auch gegen die Zeit, die ihnen davonläuft.

Früh am Vormittag joggt sie über Havannas Malecón zum Training. Der Atlantik kracht wie eine gewaltige Ohrfeige gegen die Klippen der Uferstraße. Ihr Tank top leuchtet in giftigem Grün, das Haar trägt sie an den Seiten rasiert, die Tattoos auf ihrem muskulösen Körper wirken wie Kriegsbemalungen. Am blauen Klotz des „Hotel Deauville“ setzt Namibia Flores zu einem Zwischensprint an, den sie fast bis zu den Kanonen des Fort San Salvador durchzieht. Dann passiert sie die Plaza de San Francisco, die jetzt schon voller Touristen ist, und ein Kreuzfahrtschiff am Fährterminal, vor dem sich Taxi-Oldtimer wie archaische, sonst überall ausgestorbene Tiere tummeln. Hinter der Kirche San Francisco de Paula hat Namibia ihr Ziel erreicht: das legendäre Gimnasio de Boxeo Rafael Trejo in der Calle Cuba.

Die staatliche Boxschule residiert unter freiem Himmel in einer Baulücke und wirkt wie ein Relikt aus dem Pleistozän des Sports. In der Mitte erhebt sich ein Hochring, zu dem schiefe Treppen führen. Abgewetzte Boxhandschuhe liegen herum, Sandsäcke baumeln an rostigen Galgen, an zwei Seiten staffeln sich rachitische Holztribünen nach oben. Sie sehen so klapperig aus, dass ein Mensch mit gesunden Instinkten sie nur zögerlich betritt.

An diesem bescheidenen Ort nahmen glänzende Karrieren kubanischer Box-Heroen wie Félix Savón und Teófilo Stevenson Fahrt auf. Die beiden Schwergewichtler trugen dazu bei, dass in der Geschichte des olympischen Boxens bis heute nur der Erzfeind USA mehr Medaillen gewonnen hat als Kuba. Seit der Revolution gilt der Faustkampf auf der Insel als Volkssport. 1959 schaffte Fidel Castro den kompletten Profisport ab, auch das halbseidene Berufsboxen. Umso ehrgeiziger förderte er die Sport-Amateure. Die Kubaner sind heute ein boxverrücktes Volk, die Kämpfer erklärte Lieblinge des Regimes.

Auch Namibia brennt darauf, im Boxring die Ehre ihres Landes zu verteidigen. Sie ist Fliegengewichtlerin. Das Zeug dazu hätte sie mehr als jede andere, betont ihr Trainer Nardo Mestre. Doch ausgerechnet die sozialistische Supermacht des Amateurboxens untersagt Frauen die Teilnahme an Wettbewerben. „Zu gefährlich für die weibliche Brust“, urteilte einst Fidel Castro. Wie ihre wenigen Mitstreiterinnen darf Namibia zwar trainieren, aber nicht offiziell kämpfen und liegt darum mit den Funktionären im Clinch. Doch außer dem Interesse ausländischer Medien hat sie dabei nur wenig Rückendeckung. Die berichten über sie, seit eine Amerikanerin 2015 die Dokumentation „Boxeadora“ mit ihr in der Hauptrolle drehte.

Namibia sitzt auf dem Rand des Rings und bandagiert ihre Hände. »Wenn ich einmal tot bin, muss man mich in einem Boxsack beerdigen«, sagt sie und lächelt. Selbst ein Scherz hat bei ihr etwas Kämpferisches. Die amerikanische Schriftstellerin Joyce Carol Oates beschrieb das Boxen einmal als „fanatische Unterwerfung der eigenen Persönlichkeit unter ein selbst gewähltes Schicksal“. Bei den Boxerinnen auf Kuba kommt eine Staatsmacht dazu, unter der keiner seinem Leben eine eigene Geschwindigkeit geben darf. „Immer wieder heißt es, eine Neuregelung komme bald, aber nie passiert etwas“, sagt Namibia.

Die verrinnende Zeit ist ihr stärkster Gegner. Mit 41 Jahren hat sie die Altersgrenze für Olympia schon überschritten. Auch für nationale Kämpfe wird es knapp. Und dennoch ließ sie eine große Chance ungenutzt. 2016 war sie in Miami, wo die Regisseurin von „Boxeadora“ ihr eine Karriere einfädeln wollte. Ein Fünfjahres-Visum lag auf dem Tisch, Wettkämpfe in den USA standen an. Doch dann kam das Heimweh. „Mein Boxen gehört dorthin, wo ich es gelernt habe“, sagt Namibia trotzig und beginnt, mit den Armen zu kreisen. Da denkt sie ganz wie der große Teófilo Stevenson. Angebote aller Promoter, Profi zu werden und vielleicht gegen Ali, Frazier oder Foreman zu kämpfen, schlug er mit dem Satz aus: „Was ist eine Million Dollar gegen acht Millionen Kubaner, die mich lieben?“

Das Training beginnt mit dem Schrillen der Trillerpfeife, die Nardo Mestre um den Hals trägt. Namibias Coach ist ein kleiner Mann mit wachen Augen, der sich sehr flink bewegen kann. Er war Meister im Halbfliegengewicht. Heute ist er einer von mehreren Ex-Champions im Rafael Trejo.

Schnelle Kombinationen zischen durch die Luft. „Tanzt!“, ruft Nardo bei den Sparrings. Es ist, als leite er damit Strom in die Beine seiner Schützlinge. Der kubanische Boxstil wirkt wie ein aggressiver Salsa.

Auch Idamelys Moreno, die zweite Frau des Gimnasio in der Calle Cuba, beherrscht diesen Tanz virtuos. Die dichten Afro-Locken wippen dann auf ihrem Kopf. Die 25-Jährige trainiert täglich, auch sie will irgendwann für Kuba Siege einfahren. Ihr Entdecker Emilio Correa junior gewann Olympiasilber in Peking. Er nennt sie einen ungeschliffenen Diamanten, zur Veredelung brachte er sie zu Nardo. Wer Idamelys beim Trainingswettkampf gegen ihr Vorbild Namibia zusieht, erlebt ein traumwandlerisches Duett aus Sidesteps, Finten und Haken. Doch ob es für Idamelys’ Traum von internationalen Medaillen reicht?

„Nur wenn sie Glück hat“, meint Lucía González, die Direktorin des Rafael Trejo. Die ältere Dame mit Hornbrille residiert in einem Büro, das aussieht, als habe es einmal Schiffbruch erlitten. Stühle ächzen, Lack platzt von Regalen, sogar das Bild von Che Guevara hängt schief. „Aber es gibt Hoffnung“, sagt sie und berichtet vom Gemunkel, der Amateurbox-Weltverband AIBA werde bald für alle Mitgliednationen zusätzliche Frauenteams verbindlich machen. „Wenn das passiert, ist die Bahn im Prinzip frei“, meint sie, und ihr Blick bekommt etwas Bohrendes. „Oder können Sie sich internationales Boxen ohne Kuba vorstellen?“

Wahrscheinlicher ist, dass die Funktionäre sich doch irgendwann bewegen, so wie sie es schon vor ein paar Jahren gezwungenermaßen getan haben. Der gleiche Weltverband rief eine halbprofessionelle Liga ins Leben, an der jede Nation teilnehmen muss, die bei Olympia dabei sein will. Raúl Castro hatte keine Wahl. Er musste den Lieblingssport der Revolution dem Kapitalismus öffnen. Seit 2013 wird in Kuba wieder professionell geboxt. In der neuen Liga bekommt die Boxelite nun zwischen 1000 und 3000 Dollar Prämie pro Kampf. Für Westprofis ein Witz. Für Kubaner ein Vermögen.

Was die Öffnung bringen wird, dazu hat in Havanna an jeder Ecke jemand eine Meinung, denn gefühlt ist oder war hier jeder Zweite schon einmal Boxer. Vom Rikschafahrer, dessen Nase eingedrückt ist, über den Pensionsbesitzer, der einem seine verknorpelte Linke zeigt, bis zu dem 71-Jährigen, der täglich an der Plaza Vieja sitzt und Touristen Fotos von den Olympischen Spielen in München 1972 zeigt. Er heißt Enrique, und damals war er als Ersatzmann dabei. „Unser Boxen wird sich verändern“, da ist er sich sicher. „Man wertet jetzt nicht mehr die Gesamtpunktzahl wie im Amateurbereich. In dem kann man eine gute Runde haben und sich in der nächsten aufs Ausweichen konzentrieren. Das gibt dem kubanischen Stil seine Dynamik. Im Profiboxen dagegen muss man jede Runde für sich entscheiden und mehr Treffer wegstecken. Kubanische Boxer werden darum in Zukunft robuster sein – und deswegen langsamer.“

Es ist also etwas in Bewegung im kubanischen Boxsport. Namibia und Idamelys sind Pionierinnen, aber es gibt einige Mädchen, die ihnen nacheifern, die auch in den Ring steigen und in offiziellen Wettkämpfen dabei sein wollen. Da ist zum Beispiel Hatzumy Carmenate. So heißt die 14-jährige Boxerin, der – so sehen es manche in Kuba – die Zukunft gehören soll. Auch über sie wurde schon ein Film gedreht, das Magazin The New Yorker hat ihn auf seine Website gestellt. Man findet Hatzumy in Centro, einem extrovertierten Stadtteil, der sich von früh bis spät anfühlt wie ein spontanes Straßenfest. Das Mädchen mit dem japanischen Namen hat eine kräftige Statur und wohnt mit seinem Bruder und seiner Mutter in der Calle San Miguel. Der Vater, ein Verehrer asiatischer Kampfkunst, versucht in New York Geld für die Familie zu verdienen. Viel scheint noch nicht angekommen zu sein. Die Wohnung ist dunkel und eng, Möbel gibt es kaum. Umso mehr rührt die soldatische Ordnung, mit der das Wenige drapiert ist. Fast soldatisch ist auch der Erziehungsstil von Hatzumys Eltern. Mutter Noemí erzählt von der Familienregel, nach der die Kinder vor jeder Mahlzeit 200 Liegestütze machen müssen – sonst gibt es nichts. Disziplin ist alles.

Hatzumys Training beginnt bei Sonnenuntergang ein Stück weiter in einer Boxschule, die noch um einiges armseliger wirkt als das Gimnasio de Boxeo Rafael Trejo. Der Erdboden ist uneben, wenn jemand in den Ring steigt, knarrt er. Trainer Luis Pérez trägt ein Feinrippunterhemd, seine lauten Rufe bellen bis auf die Straße, auch hier wird in einer Baulücke trainiert. Warum er vor allem Kinder, 9- bis 15-Jährige unterrichtet? Weil er in seiner sportlichen Karriere einmal für vier Jahre gesperrt worden sei, erzählt er. Wegen Respektlosigkeit. „Das will ich meinen Schülern ersparen.“

Nach und nach fluten Kinder und Jugendliche die Lücke, nehmen Aufstellung und grüßen im Chor. Die Trainingsmethoden haben etwas Drolliges. Luis hat einen Besenstiel aufgestellt und ihm einen Boxhandschuh aufgesetzt wie einer Vogelscheuche den Hut. Drumherum lässt er seine Schüler tänzeln und schattenboxen. Dann tritt Hatzumy im Ring gegen einen Jungen an, der ein ganzes Stück kleiner ist als sie. Immer wieder duckt er sich unter ihren Schlägen weg, kommt aber selbst mit jeder zweiten Geraden durch die Deckung. Hatzumys Killerblick wandelt sich mehr und mehr in Verzweiflung. Dann reißt sie sich mitten im Sparring die Handschuhe von den Händen und schleudert sie wutentbrannt auf den Boden. Tränen steigen in ihre Augen. Hatzumy hat alle Runden verloren und muss sich ihrem Gegner geschlagen geben. Doch das ist heute. Schon morgen kann alles anders sein. Der Kampf hat gerade erst begonnen.