Selbst ist der Mensch
17337
post-template-default,single,single-post,postid-17337,single-format-standard,bridge-core-3.1.9,qode-page-transition-enabled,ajax_fade,page_not_loaded,,qode-title-hidden,qode_grid_1200,qode-theme-ver-30.6,qode-theme-bridge,disabled_footer_bottom,wpb-js-composer js-comp-ver-7.7.1,vc_responsive

Selbst ist der Mensch

Süddeutsche Zeitung, 2012

Selbst ist der Mensch

 

Stress, Mobbing, Burnout: Die Navigation durch die Untiefen des Berufs ist zu einem der schwierigsten Manöver geworden. Dabei gründet unser Unbehagen nicht allein im Job. Entscheidend ist das Gesamtpaket der modernen Welt. Die Philosophie der Lebenskunst kann helfen mit ihr umzugehen – seit 2500 Jahren.

Als er ein Kind war, begleitete der Wiener Philosoph Paul Feyerabend seine Mutter oft zum Friseur. Dort wurde er von den Frauen gefragt, was er denn werden wolle. Pensionist, lautete seine Antwort. Und dafür hatte er auch einen Grund. „Wenn ich im Park saß und Sandburgen baute, sah ich oft, wie nervöse Männer mit Aktentaschen hinter überfüllten Straßenbahnen herrannten. ‚Was machen die?’, fragte ich Mama. ‚Sie gehen zur Arbeit’, sagte Mama. Dann sah ich, wie ein alter Mann still auf der Bank saß und die Sonne genoss. ‚Warum sitzt er da und tut nichts?’‚ fragte ich. ‚Weil er pensioniert ist.’ Nach alledem erschien mir ein Leben als Pensionist ziemlich verlockend“, erzählt Feyerabend in seinen Lebenserinnerungen.

Was aus Kindersicht logisch erscheint, klingt in der Erwachsenenwelt absurd. Denn in dieser Welt geben die Werte der Erwerbsarbeit den Ton an – ob uns das gefällt oder nicht. „Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, wir müssen es sein“, stellt der Soziologe Max Weber fest. Und die Philosophin Hannah Arendt kann sich kaum etwas Verhängnisvolleres vorstellen, als eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgeht, die einzige Tätigkeit, auf die sie sich noch verstünde. Sicher ist: In einer Zeit, in der die meisten kollektiven Sinnquellen versiegt sind, umreißt der Beruf das am stärksten frequentierte Gelände für die ständige Suche des modernen Menschen nach Glück. Doch finden lässt es sich dort immer seltener. Schlimmer noch: Die massenhaften Burnout-Fälle legen die Vermutung nahe, der Beruf sei in Wahrheit ein Hort des Unglücks.

Der Krise die Stirn bieten

Wie aber können wir uns vor den schädlichen Effekten schützen, mit denen uns das Gemisch aus Rationalität, Technologie, Wachstum und Strebsamkeit bedroht, das wir Kapitalismus nennen? Wie dem Ausgebranntsein vorbeugen, der persönlichen Krise entgehen, unser Glück auch in der Erwerbsarbeit machen? Ein Patentrezept gibt es nicht. Aber es spricht einiges dafür, den Kampf gegen das Zerstörerische der Arbeit mit jenen Mitteln zu fechten, auf die sie selbst so stolz ist – analytische Vernunft und stringentes Verhalten. Oder anders gesagt: mit den Mitteln der Philosophie. Ihr Verständnis als Lebenshilfe verspotten zwar viele als Verkleinerungsform dieser Wissenschaft. Doch in der Antike ist sie genau dies. Die Denker des Altertums ergehen sich weniger in hochspezialisierten Diskursen, sondern liefern eine Anleitung zur Lebenskunst. Gerade ihre Tugendethik bietet auf der Basis rationaler Einsicht und Askese ein Rüstzeug an, mit dem der Mensch sein Leben an den richtigen Zielen orientieren und bewusst führen kann. Dabei hat Askese weniger mit Entsagung zu tun, als viele glauben. Ihre ursprüngliche Bedeutung liegt im Einüben tugendhaften Verhaltens – eines Verhaltens, das Aristoteles als die Gewohnheit begreift, das nach selbst gewählten Ansprüchen Richtige zu tun und so im Einklang mit der Vernunft zu leben. Folgt man dem Philosophen, gibt es keinen anderen Weg zum Glück.

„Work hard, play hard“ heißt dagegen die Parole vieler Jungmanager. Epikur hätte sie wohl als ein sicheres Mittel für ein schlechtes Leben betrachtet. Denn wer sich hoch hinauswagt, fällt umso tiefer. Anstatt ungezügelten Hedonismus empfiehlt der griechische Philosoph mit dem fidelen Image darum Selbstkontrolle und eine reflektierte Genussfähigkeit. Genau diese Tugenden sind es, die den Workaholics von heute fehlen. Zwar können sie in ihrer Arbeitswut durchaus Lust empfinden – zum Genuss aber sind sie nicht in der Lage. Denn dazu braucht es die Dosierung, ein bewusstes Maß an Distanz, die Fähigkeit, eigene Gefühle wahrzunehmen.

Stoiker wie Seneca oder Mark Aurel lehnen sogar die ab. Ihr Ziel ist die völlige Befreiung von Gemütsregungen. Der Grund: Ein von Affekten geleiteter Mensch verkennt seine Situation, setzt sich unerreichbare Handlungsziele – und malträtiert so nur seine Seele. Von den Krisen und biografischen Brüchen im Konsumismus unserer Zeit ahnen die Stoiker nichts. Dennoch betonen sie schon vor mehr als 2000 Jahren die Bedeutung persönlicher Integrität und sind sich darüber einig, dass nur ideelle und nicht materielle Güter zum Glück führen. Dazu beschäftigen sie sich mit den großen Fragen: Welcher Mensch möchte ich sein? Was ist ein gutes Leben? Wie kann ich es führen?

Die einzig wahre Supermacht

Im 20. Jahrhundert stellt der Franzose Michel Foucault diese Fragen neu. Er führt die antike Tugendethik mit seinem Konzept der „Sorge um sich“ fort und erweitert es um die Selbsterfindung. In Deutschland ist es heute vor allem der Berliner Philosoph Wilhelm Schmid, der sich einer so verstandenen Lebenskunst widmet. Im Sinne Epikurs fordert er „Selbstmächtigkeit“: Macht über sich selbst in Form eines bewussten, durch Denken geführten Umgangs mit den eigenen Gefühlen und Lüsten. Als asketische, durch Gewöhnung realisierte Autorität verteidigt sie Spielräume gegen innere Triebe und äußere Einflüsse. So hilft sie, Macht über Macht zu gewinnen und ist deswegen die einzig sinnvolle „Supermacht“.

Selbstmächtigkeit verlangt ein unablässiges Arbeiten an sich und belohnt mit Autarkie. Dabei entsteht sie nicht aus sich selbst heraus, sondern braucht die Einbettung in einen übergreifenden Sinnzusammenhang. Oder wie der Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry formuliert: „Nichts trägt einen Sinn in sich. Der wirkliche Sinn der Dinge liegt im Gefüge.“ Das Netz aus sinnstiftenden Strukturen ist in der Moderne jedoch weitgehend zerrissen – sei es im Privaten, im Beruf oder zwischen beiden Sphären. Und wer glaubt, die vielzitierte Work-Life-Balance könne dieses Netz flicken, liegt falsch. Laut Schmid trennt das Konzept ja gerade Arbeit und Leben voneinander und wird darum der Entfremdung nicht Herr. Entsprechend mag die Auszeit im Kloster lindernd wirken – ernsthafte Abhilfe schafft sie nicht. Ähnlich verhält es sich mit dem Phänomen des Burnout: Entgegen der allgemeinen Auffassung erkennt Schmid in ihm weniger eine Folge zu hohen Leistungsdrucks. Das Problem liege vielmehr im Mangel an Sinnbezügen, ohne die sich Druck auf Dauer nicht aushalten lässt. Lapidarer gesagt: Sinn macht stark, Sinnlosigkeit schwach.

Umso fataler erscheint daher die Haltung vieler Unternehmen, Sinnfragen zu diskreditieren und hartnäckig auf die Kultur des positiven Denkens zu setzen. Wohin es nämlich führen kann, sich der Suggestion hinzugeben, alles werde schon irgendwie gut, hat die Finanzkrise gezeigt. Doch auch seine ganz persönliche Krisenfestigkeit erhöht der einzelne, wenn er die Methode des kritischen Negativdenkens beherzigt. Er ist so stets auf das Schlechteste vorbereitet und freut sich umso bewusster, wenn seine Annahmen widerlegt werden. Dieses Vorwegbedenken des Üblen war in der Antike gang und gäbe. Und es ist, wie Wilhelm Schmid betont, „ein Instrument wachsamer Lebenskunst seit jeher“. So führt die Sorge um sich selbst zu dem, was heute so hoch im Kurs steht: Authentizität. Doch während die Medien- und Kulturindustrie dafür häufig nur triviale Stile von der Stange anbietet, ist die Echtheit des eigenen Entwurfs, die Macht der Selbstgesetzgebung der solideste Schutz vor den Mühlen der Sinnlosigkeit. Das erfordert Disziplin und permanente Selbstbefragung. Und ist vielleicht doch so einfach, wie der Schriftsteller Elias Canetti nahelegt: „Es genügt, sich eine Stunde täglich seinen Gedanken zwecklos auszusetzen, um etwas wie ein Mensch zu bleiben.“