21 Feb. Schlachtengemälde der Geologie
FAZ, 2026
SCHLACHTENGEMÄLDE DER GEOLOGIE
An der Costa Quebrada in Kantabrien, der „zerbrochenen Küste“, findet ein Titanenkampf zwischen Land und Ozean statt – zwar in Zeitlupe, aber dennoch so spektakulär wie kaum irgendwo sonst auf Erden.
Charles Darwin war nie in Spanien. Aber hier, im salzrauen Windgeheul der Costa Quebrada, hätte es ihm gefallen: An der „zerbrochenen Küste“ Kantabriens vollzieht sich eine natürliche Auslese im Großformat. So wie der Löwe immer das schwächste Gnu reißt, nimmt sich der Atlantik die Felsen vor. Erst macht er weichen Gesteinsschichten wie Mergel, Schiefer und Ton den Garaus, dann kämpfen die härteren wie Kalk- und Sandstein mit den Wassern ums Dasein. Das Resultat ist erosive Schönheit in Vollendung. Felsen greifen wie gigantische Bartschneider ins Wellengetöse, zerklüftete Abbrüche gleichen Gespensterburgen, schräg aufragende Schichtplatten erinnern an halb untergetauchte Saurier. Und immer wieder bieten wunderlich geformte Monolithen der hustenbonbonblau explodierenden Brandung die Stirn, die trotz ihrer Raserei seit Millionen Jahren wie ein unendlich geduldiger Bildhauer zu Werke geht.
Die Costa Quebrada ist ein steinernes Wunderland, das sich auf gut 20 Kilometern zwischen der kantabrischen Hauptstadt Santander im Osten und Santillana del Mar im Westen erstreckt. Ein Anblick geronnener Zeit und doch voller Aktion. Dieses Jahr wurde der Abschnitt in die Liste der UNESCO Global Geoparcs aufgenommen, ein weltweites Netzwerk von 213 Gegenden in 48 Ländern, die von der Pariser Organisation aufgrund ihres reichen geologischen Erbes gewürdigt werden – weniger als Schutzgebiete, sondern als Regionen, die sich der Vermittlung ihrer erdgeschichtlichen Bedeutung verschrieben haben.
Viola Bruschi macht das stolz. Die Geologin ist die wissenschaftliche Direktorin des Geoparks. „Kein anderer Landstich hat eine solche Fülle an Reliefformen auf so wenig Raum zu bieten, enthält so viele Hinweise auf wichtige Ereignisse und morphologische Prozesse der letzten 125 Millionen Jahre“, sagt sie. Kontinentalkollisionen, Gebirgshebungen, Meeresspiegelschwankungen, stabile Perioden, Klimawandel, Artensterben: Das alles und noch viel mehr sei an der Costa Quebrada in Stein gemeißelt. Der Küstenabschnitt komme ihr vor wie das das reinste Lehrbuch. Die Frau mit dem sturmfesten Kurzhaarschnitt steht auf der Klippe über dem Strand von Arnía, der so etwas ist wie der Grand Canyon der Costa Quebrada. Von hier oben schaut man wie ein Feldherr auf das geologische Schlachtengemälde. Notenständerartige Informationstafeln stehen herum, Fremdenführer scharen Touristengruppen um sich. Stunden zuvor hatten sie in der Bucht von Santander Müll gesammelt. Auch derartige Engagements verlange die UNESCO, sagt Bruschi. Dieses und die regelmäßige Publikation von Forschungsarbeiten seien die Grundlage, auf der alle vier Jahre über die Erneuerung des Geopark-Status entschieden werde.
Vor Arnía liegen die berühmtesten „urros“. So heißen die heldenhaften Inselchen an vorderster Front im Wellengeschäum. Mal wurden sie zu Toren wie in Stonehenge, mal zu megalomanen Bügeleisen, mal zu windschiefen Pagoden abgetragen. Die charismatischste von ihnen ist vor wenigen Jahren Opfer einer Sturmflut mit zehn Meter hohen Brechern geworden. Genau zu Füßen der Küstenaficionados liegt eine Abrasionsplattform von der Größe mehrerer Fußballfelder. Die Rillen ihrer Struktur verlaufen parallel zum Ufer und sehen aus wie die Abtropffläche einer Küchenspüle. Oder ein versteinertes Spargelfeld. Oder eine Sisyphusarbeit mit urzeitlichen Drahtbürsten. Die Fantasie will einfach nicht aufhören, sich alles Mögliche auszumalen.
„Es ist nicht die Meereserosion allein, die zu dieser Landschaft führt. Die macht nur das Finish“, sagt Bruschi in den pfeifenden Wind, der kaum einen anderen Ton neben sich duldet und ihr jedes zweite Wort von den Lippen weht. In erster Linie habe man es mit einem sogenannten Flysch zu tun: das Zerstörungswerk von Regenwassern, die seit jeher in ober- und unterirdischen Flüssen, Sturzbächen und Läufen zirkulieren, sowie unterseeischen Sand- und Schlammlawinen, die sich über Jahrmillionen in Schichten abgelagert haben. Durch Erdplattenverschiebungen seien sie später aus dem aus dem Meer gedrückt, verfaltet, gekippt und dann dem Wind, den Wellen und den Gezeiten zur ewigen Nagearbeit übergeben worden.
Wer sich mit Menschen wie Viola Bruschi unterhält, beginnt die Welt mit anderen Maßstäben zu sehen. Und lernt beispielsweise, dass die Costa Quebrada ursächlich ein Geschenk der San Román-Santillana-Synklinale ist, einer geologischen Struktur, die durch die Kollision der eurasischen mit der afrikanischen Platte entstand. Die Schichten der Ablagerungen biegen sich dabei nach unten und bilden eine Mulde. Mancherorts ist es aber auch umgekehrt: Bei einer Antiklinale wölbt sich die Erde bogenförmig in die Höhe wie ein aufgestellter Teppich.
Würde man einen Preis für die schönste Antiklinale des Planeten ausloben, käme die des Santa-Justa-Strandes in die engere Wahl. Sie liegt bei Ubiarco am östlichen Ende der Costa Quebrada und sieht aus, als hätte sich die Erde dazu entschieden, den endlos heranstürmenden Ozean einmal nach Kräften nachzuäffen. Doch es ist nicht nur so, dass sich hier die Gesteinsschichten am Rand einer Bucht zu einer majestätischen Woge aufbäumen, deren Kern das Meer über die Jahrmillionen auswusch. Im 16. Jahrhundert haben gottesfürchtige Katholiken auch noch eine Kirche für die Heilige Justa in den Hohlraum gebaut. Sie scheint darin Schutz zu suchen wie ein Küken bei einer Glucke. Manchmal sperrt der Bürgermeister von Ubiarco die Kirche auf. Drinnen ist es dann, als habe einen das Gestein verschluckt. Dass die Märtyrerin nur durch eine vergilbte Fotokopie ihrer Statue anwesend ist, die in der Dorfkirche von Ubiarco steht, macht nichts. Besser als durch das grün, braun, gelb, grau und kristallweiß geäderte, theatralisch zerklüftete Felseninnere lässt sich die Schöpfung gar nicht würdigen.
Man kann ein bisschen verstehen, dass die frommen Baumeister ihr Gotteshaus im Gestein versteckten, statt ihm einen krönenden Logenplatz zu gönnen. Denn beim Begehen der vielen Wander- und Rundwege entlang der Costa Quebrada ist die Demut nie fern. Die Gewalt des Ozeans erinnert an die Kleinheit aller Dinge und macht es einem schwer, ein großes Ego zu entwickeln. Vielleicht wird einem hier aber auch ganz nietzscheanisch zumute. Vielleicht spürt man im Brandungsdonner das Dionysische und Ungeheure und erkennt darin die befreiende Kraft einer tieferen, urteilslosen Natur.
Die Surfer an der Costa Quebrada dürften so empfinden. Immer wieder stößt man auf ihre Kleinbusse vor den tief eingekerbten Stränden. Wie Robben wiegen sie sich dann in ihren schwarzen Neoprenanzügen auf dem Wasser und lauern auf den richtigen Zeitpunkt für einen Ritt. Die Verwegensten unter ihnen versuchen sich an der „Vaca Gigante“, der „Riesigen Kuh“ an der Playa El Bocal in Cueto. Das Ungetüm ist eine der bekanntesten Big Waves in Europa und ein Symbol für die wilde Kraft der kantabrischen Küste. Aufgrund einer weiten Wölbung im Meeresboden türmt sie sich im Winter bis zu einer Höhe von 18 Metern auf. Mittlerweile hat sich die Vaca Gigante in die großen Sehnsuchtsziele der internationalen Surferszene wie Nazaré in Portugal oder Mullaghmore in Irland eingereiht.
Ihren Namen hat die Welle von den grasenden Kühen, die dem Spektakel vis-à-vis mit grenzenlosem Unverständnis beiwohnen. Wie auch nicht, ihre Welt sind schließlich die schamlos grünen Hügel im Hinterland mit idyllisch eingestreuten Weilern. Wenn man dann von der Küste eine Stunde lang landeinwärts geht, ganz so, als durchwandere man ein Diorama ländlichen Glücks, erreicht man Santillana del Mar – und ein Spanien wie aus dem Reisekatalog: Adelspaläste tragen pompöse Familienwappen, spätmittelalterliche Kopfsteinpflaster ballen sich unter den Sohlen, Wehrtürme bewachen Sandsteinhäuser mit blumenumprangten Holzbalkonen. Man sieht ihnen von außen an, wie historisch und heimelig im Innern die Treppen knarzen. Aber es hilft nichts. Die Vergangenheit ist zur Kulisse geworden für ein Stück, das nicht mehr auf dem Spielplan steht. Stattdessen baedekern Reiseführer mit gereckten Regenschirmen auf Touristen ein, warten Fotografen mit nostalgischen Großformatkameras auf Kundschaft, findet sich kein Laden, der nicht Sardinenbüchsen, Keramiknippes und Plastikschwerter anböte.
Ob Jean-Paul Sartre Santillana del Mar heute noch als das schönste Dorf Spaniens bezeichnen würde? Man weiß es nicht. Für Paläoanthropologen aber steht fest: Die zwei Kilometer entfernte Höhle von Altamira – eine von gut 9000 im von Grotten und Hohlgängen schier durchlöcherten Kantabrien – ist die „Sixtinische Kapelle der Altsteinzeit“. Regen- und Grundwasser lösten hier die gleichen Verkarstungsprozesse aus, die auch an der Küste wirkten. Nur während dort die Kunst eine Frage der Fantasie ist, tummeln sich in der Höhle Bilder von Wisenten, Pferden, Hirschen, Wildschweinen und Wölfen in leuchtendem Rot und Gelb an der Decke. Man steht mit offenem Mund darunter und fragt sich, wie man die Jäger und Sammler so verkennen konnte. Die zwischen 14.000 und 20.000 Jahre alten Darstellungen wirken verblüffend plastisch, weil die Maler den holprigen Felsenuntergrund nutzten, um den Figuren Dynamik und Körperlichkeit zu verleihen. Einen Haken gibt es allerdings: Besuchen lässt sich nur eine Nachbildung, wenngleich eine exzellent gemachte mit der Technik und den Farben von damals. In den Siebzigerjahren wurde der Weltstar unter den Höhlen für die Öffentlichkeit geschlossen, weil die Atemluft den Bildern zusetzte. Pilze waren entstanden und drohten die Werke zu zerstören.
Für das Meer konnten sich die Höhlenmenschen von Altamira naturgemäß nicht begeistern. Während der Eiszeit lag der Ozean 120 Meter tiefer und fünf Kilometer weiter weg als heute. Es gibt keine Funde, die auf Fischfang hinweisen, der prähistorische Alltag war der Küste abgewandt. Das ist heute anders, zum Beispiel im Leuchtturm Cabo Mayor am Westrand von Santander. Dort beherbergt das ehemalige Wächterhaus ein Kunstmuseum, dessen Werke wahre Meeresobsessionen sind, etwa die fast fotorealistischen Bilder der Dauerausstellung von Eduardo Sanz. Nachdem man sich dort in Wellenkämme, Klippenformationen, Gischtgebrodel und dramatische Himmelsszenarien versenkt hat, genießt man vor der Tür seinen geschärften Blick auf das übernervöse Wetter der spanischen Nordküste. Die Wolken ändern sich hier im Minutentakt. Immer wieder ballen sie sich wie Muschelhaufen in Schwarzblau und Perlmutt und drohen mit dem nächsten Regenüberfall.
Wanderer mag das stören, die uralte Weißweinsorte Albariño dagegen kommt mit der Nässe wunderbar zurecht. Neben ein paar anderen wächst sie an der Costa Quebrada im Schutz jahrhundertealter und neu gebauter Trockenmauern, die nicht weit hinter dem Leuchtturm von Cabo Mayor beginnen. Der Kalkstein bricht den Wind, speichert die Wärme und gibt sie nachts an die Reben ab. So gedeihen kleine, kugelrunde Beeren mit besonders dicker Haut, die sie vor Schimmel und Fäulnisbefall im feuchten Klima schützen. Das Ergebnis ist ein saftiger, beinahe cremiger, aber durchweg knochentrockener Süchtigmacher von einem Wein. Seine feine, an Rieslinge erinnernde Säure gleicht einem silbrigen Gerüst, um das die Süße sich schmiegt. Und bildet man es sich ein? Nein, da ist tatsächlich etwas Salziges, das mit jedem Schluck eine würzige Meeresbrise heraufbeschwört. Vielleicht am schönsten trinkt man den stahlgrün leuchtenden Albariño im Restaurant „Las Olas“ am Strand von La Maruca in Sichtweite der Trockenmauern, natürlich zu einer Mariscada: Nie werden die Meeresfrüchte Kantabriens ihrem Ruf grandioser gerecht als beim Vertilgen einer dieser Schüsseln voller Hummer und Langusten, Taschenkrebse, Samtkrabben und Kaisergranaten in ihren prachtvollen Ritterrüstungen.
Ein langer Spaziergang durchs nahe Santander ist das Beste, was sich anschließend unternehmen lässt. Exklusiv hat man die Idee allerdings nicht. Seigneurale Herrschaften mit Einstecktuch, Mädchengruppen im Stimmengeläut, hagere Jogger wie mahnende Ausrufezeichen: Die Entschlossenheit der Santanderinos zum Promenieren entlang ihrer riesigen Bucht ist unverwüstlich. Kenner rechnen sie zu den zehn schönsten der Welt. Kommt man von den Klippen im Westen, erreicht man als erstes das Villenviertel El Sardinero, wo Belle-Epoque-Paläste von einer mondänen Vergangenheit erzählen. Zwei geschwungene Strände weiter, in der Innenstadt, sieht die Sache anders aus. Ein Großbrand zerstörte 1941 das historische Zentrum, heute stehen hier neo-klassizistische Gebäude neben profanen Kästen. Eine Nachkriegsstadt ohne Krieg, aber eine funkelnde: Gegen die Kapriolen des atlantischen Wetters gönnt sich fast jede Wohnung einen glasgleißenden Wintergarten. Je höher man die steil ansteigende Stadtmitte erklimmt, desto mürrischer wirkt Santander: Die backsteintraurigen Wohnsilos könnten auch in Liverpool oder Kiel stehen. Aber es gibt etwas, was die ganze Stadt vereint. Es sind die Lieder, die überall aus den Bars auf die Straße schallen – wasserhelle Chorgesänge mit vor Dringlichkeit stehenbleibenden Tönen. Die meisten handeln vom Meer und seinen Gefahren.
Vor denen ist man in Santander sicher. Die Wellen, die sich am Horizont im Takt eines Metronoms lösen, rollen hier eher brav an die Strände. Ein idealer Platz für den Hype um den therapeutischen Wert des Meerbadens, der im 19. Jahrhundert auch Spanien erfasste. Schon 1856 schickte die königliche Familie ihre Kinder zur Kur nach Santander, wohlhabende Madrilenen folgten und errichteten Sommerresidenzen. Damit König Alfons VIII es ihnen gleichtat, schenkte ihm das Seebad 1912 den Palacio de la Magdalena auf der gleichnamigen Halbinsel: eine hellgraue Kalksteinheiterkeit in einem delirierend eklektizistischen, halb englisch, halb französisch inspirierten Stil mit Türmen, Fachwerkfassaden, Schieferdächern und spitzen Giebeln. Innen aber hält sich die Wirklichkeit nicht an die Vermutung. Die Ehrfurcht, die man bereit war zu empfinden, stellt sich nicht ein. Der Palast ist ein merkwürdiges Ineinander von Pomp und Piefigkeit. Ohrensessel stehen feierlich steif, das Parkett riecht nach Bohnerwachs, manche Lüster hängen schief. Allein das königliche Familienzimmer macht etwas her mit Originalmöbeln wie der Chaiselongue, auf der Königin Victoria Eugenia ihre Siesta hielt. Heute wird der Palacio de la Magdalena als Konferenzzentrum genutzt. Gerade tagen schwedische Computernerds in rosa Polohemden und besetzen Säle und Gänge wie ein fremder Stamm.
Schöner ist es im Hotel Real, das einzige Fünf-Sterne-Haus Santanders, das Alfons VIII für seine Gäste errichten ließ. Schneewittchenweiß thront es hoch über El Sardinero und behält seine fast frivole Vornehmheit im Innern bei. Die Luft ist dezent parfümiert, moderne Kunst kontrastiert mit neoklassischem Interieur. Alles zeugt von Formensinn und Stilbewusstsein, schon der Blick auf die pferdeledernen Schuhe der Kellner reicht für diese Erkenntnis aus. Man folgt ihnen auf die große Terrasse und genießt den Blick auf die Bucht, die am späten Nachmittag glitzert wie von Strasssteinchen übersäht. Ganz ruhig liegt sie da, der atlantische Furor könnte weiter weg nicht sein. Man hört nur das klackernde Lied der Eiswürfel. Auch die Bucht von Santander, das fällt einem jetzt ein, ist ein mustergültiges Werk der tektonischen Absenkung und der Meereserosion und damit das Ergebnis einer Niederlage des weichen Gesteins gegen die Beharrlichkeit des Ozeans. Kann Verlieren schöner sein? Man fragt sich’s seufzend. Und bestellt noch einen Wermut.